Es ist Deutschland hier
Dass Guido Westerwelle vor zirka zwei Jahren Probleme damit hatte, Englisch zu sprechen, hatte ich bereits vor einigen Tagen hier im Blog behandelt (siehe hier). Nun kursiert seit vorgestern das Video von der Pressekonferenz der FDP, während der er auf Englisch von einem BBC-Reporter zur Zukunft der deutschen Außenpolitik befragt wurde. Westerwelle weigerte sich aber, die Frage zu beantworten, sofern sie nicht auf Deutsch gestellt würde.
“In Großbritannien wird erwartet, dass die Leute Englisch sprechen, und es ist dasselbe in Deutschland – von den Leuten wird erwartet, dass sie Deutsch sprechen”, wurde Westerwelle zitiert,
heißt es dazu im Beitrag der NW (siehe Artikel hier).
Viele Blogs (zum Beispiel bei Spreeblick, De:Bug oder esgibtsie.de) machen sich seitdem darüber lustig, hauptsächlich, weil der FDP-Chef seine Position mit dem – selbst in seiner Muttersprache – syntaktisch falsch zusammengesetzten Argument „Es ist Deutschland hier“ zu untermauern versuchte.
Aber es darf nicht vergessen werden: Das erste Video ist zwei Jahre alt. Seitdem bereitete sich Westerwelle intensiv auf den Job des Außenministers vor, hielt ständig Kontakt zu seinem Mentor Genscher und übte fleißig. Wenn man der ZEIT Glauben schenkt („In den vergangenen zwei Jahren reiste er viel ins Ausland, verbesserte sein Englisch, las sich ein.“ Link).
Wie kann es ihm dann trotz dieser Vorbereitungen auf der Pressekonferenz geschehen, sich fremdsprachlich zu verweigern? Ist es tatsächlich Versagen? Oder womöglich Kalkül im Hinblick auf eine künftige Überraschung?
Taktisch wäre diese offen zur Schau getragene, fremdsprachliche Zurückhaltung tatsächlich nur dann klug, wenn der Außenminister Westerwelle beim ersten offiziellen Auslandstermin durch Kenntnis fremder Zungen verblüffen kann.
Das stelle man sich einmal vor: Im Vorfeld verlacht und dann plötzlich mit Präsident Obama im feinsten Englisch über die jeweils eigenen Vorstellungen von Gesundheitssystemen parlierend. Es wäre nur zu schön.
Bis jetzt ist Guido Westerwelle noch nicht einmal als Außenminister gekürt worden. Und trotzdem wagt man es, ihm über diese Zukunft Fragen zu stellen! Sollte es soweit kommen, bleibt bis dahin aber der Eindruck aus diesem Video haften:
NW-Themenlink:
Britische Zeitung nimmt Westerwelle aufs Korn
[Update] Der Kollege Vollmer hat sich in seiner Kolumne “Seitwärts” ebenfalls mit den Englischkenntnissen des Herrn Westerwelle befasst. Link: Seitwärts – Crashkurs Außenminister für Westerwelle
Anderswo:
Zeit-Online – Analyse: Westerwelle vor Auswärtigem Amt
Spiegel Online – Frage auf Englisch: Westerwelle lässt BBC-Reporter abblitzen
esgibtsie.de – Phrasenverschiebung – Es ist Deutschland hier
Spreeblick – “Wir sind hier in Deutschland”
De:Bug – Mit Westerwelle klarkommen
Geschrieben am Donnerstag, 01. Oktober 2009
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1. Oktober 2009 um 01:51
Hallo Rouven,
es liegt mir völlig fern, mich über Herrn Westerwelle lustig zu machen. Über seine Fremdsprachenkenntnisse habe ich kein Wort verloren.
Der Mann hat Power, ist widersprüchlich, verbal agressiv und kämpft bekanntermaßen von Anbegin seiner politschen Laufbahn mit seiner unsympathischen Wirkung in der Öffentlichkeit. Aber er gibt nicht auf. Aus sehr Bundes-FDP nahen Kreisen weiß ich, das er viel Zeit in Coaching und Training investiert hat, um diese Wirkung zu verbessern.
Das macht ihn zu einer interessanten Figur des öffentlichen Lebens und ist darum spannend genug, um sich ihm mit künstlerischen Mitteln zu nähern.
Dies habe ich in dem von dir erwähnten Beitrag sowie auch in dem Song “Die Westerwelle” versucht: http://soundcloud.com/esgibtsie/die-westerwelle
1. Oktober 2009 um 09:41
OMG. Dieses gesamte Westerwelle-English-Bashing ist so bigott. Wahlfrustration pur, nichts anderes. Und die Elfenbeinturmbloggerei von Spreeblick bis sonstwo fällt auch noch drauf rein.
Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: In Frankreich, in England, in Amerika, in Wolkenkuckucksheim werden die Pressekonferenzen auch in der Landessprache abgehalten, nicht nur das, die Franzosen weigern sich selbst im Ausland konsequent, auch nur den kleinsten Brocken in der gastgebenden Landessprache zu sprechen. Da kräht auch kein Hahn nach. Viel Lärm um nichts. Und ich bin mir sicher, dass Westerwelle auch mal englisch sprechen wird, sobald es wirklich not tut. Ansonsten gibt es Übersetzer.
Im Übrigen finde ich es auch aus inhaltlichen Gründen völlig in Ordnung, dass er eine deutschsprachige Fragestellung verlangt: Da das Außenministeriumsthema ein sensibles ist ist es gut, dass Herr Westerwelle sicher ging, die Frage richtig verstanden zu haben um korrekt antworten zu können.
1. Oktober 2009 um 10:20
Also das “Im Ausland sprechen sie auch nur ihre Sprache” lasse ich nicht gelten. Das macht es ja nicht besser. Mal abgesehen davon, dass Englisch – nicht zuletzt dank dem Netz – getost als Lingua Franca der westlichen Welt betrachtet werden kann, finde ich ist doch die Idee einer Pressekonferenz der Presse etwas zu erzählen. Und wenn es dann auch gleich 700 Millionen verstehen können ist das doch dufte.
Und überhaupt: “Die machen das auch” ist ja wohl bitte das aller älteste Kindergartenargument. Im Ausland bauen sie auch alle fleißig Atomkraftwerke. Deswegen müssen wir das noch lange nicht machen.
Davon abgesehen muss ich Mischa aber recht geben: Westerwelle-Bashing macht zwar Spaß und trifft den richtigen, führt aber zu nichts. Wenn dann bitte auch mit handlungskoordinierender Kraft bashen, so wie Welt Online gestern. Soll er doch Super-Finanz-Wirtschaftsminister werden! Da muss er auch kein Englisch können. Und einen Taschenrechner wird er ja wohl bedienen können.
1. Oktober 2009 um 10:59
Hatten wir nicht alle mal einen schlechten Tag, an dem die Worte nicht so raus wollten wie sie sollten und man sich unsicher fühlt? Nur das bei uns eben nicht die Kamera drauf gehalten wird und somit auch nicht Tausende von Menschen mit dem Finger auf uns zeigen und “HAH HAH” sagen können.
Ich bin zwar kein FDP-Wähler, aber ich finde Guido als Mensch dennoch sympathisch und durch solch ein Verhalten [wie in diesem Video] wirkt er für mich absolut menschlich. Wenn seine Schwäche nun einmal sein Englisch ist, dann hat er sicherlich Stärken, die wichtiger sind, als englisch zu sprechen. Aber die Menschen schauen lieber auf die Schwächen der anderen, anstatt sich mit ihren eigenen auseinander zusetzen. Darauf sage ich: HAH-HAH!
1. Oktober 2009 um 11:31
Mein lieber ben_, das meine ich ja: Beurteilen wir ihn nach seinen wirklichen Fähigkeiten. Nicht wegen eines lustigen und – zugegeben – nicht sehr glücklichen Videos.
Dennoch lasse ich das “Im Ausland sprechen sie ja auch nur ihre Sprache” absolut gelten: Welches Recht haben wir Westerwelle zu verurteilen, der sich den Gepflogenheiten der internationalen Diplomatie anpasst? Richtig. Keins. Das zeigt doch alles nur die Ohmacht der Bloggeria, mit stichhaltigen Argumenten Westerwelle ins Kreuzfeuer zu nehmen. Es ist nichts anderes als Frust. Und deshalb lächerlicher als Westerwelles Nicht-Englisch.
1. Oktober 2009 um 13:56
oh man, mischa und ich kommen uns immer näher. vom kopf her. das ist gruselig.
1. Oktober 2009 um 16:07
Macht mir grad auch ein bisschen Angst. Müssen die Bärte sein. Statische Aufladung durch häufiges Kraulen und dadurch entstehende telepathische Verschiebungen, vermute ich.
2. Oktober 2009 um 09:12
Kohl konnte kein Englisch und Merkel hat in der Schule nur russisch gelernt … Guido parliert auf dem Niveau eines Oberstuflers mit “ausreichend” als Zensur.
Davon ab: Außenminister müssen vorallem eins. Geschickt und diplomatisch vorgehen. Und daran hakt es bei diesem Auftritt zu allererst!
“Vielen Dank für Ihre Frage, ich erlaube mir, sie auf Deutsch zu beantworten, da dass in diesem Rahmen hier so üblich ist” und Punkt.
2. Oktober 2009 um 12:10
@Doc Schneider: Zustimmung! Endlich jemand der kritisiert, WIE er es gesagt hat und nicht, WAS er gesagt hat. Danke.
2. Oktober 2009 um 17:02
Also Deutsch zu sprechen ist schon vorteilhaft, in DEUTSCHLAND. Ich bin ja der Meinung, dass wenn man in andere Länder geht, dass man sich ein wenig auf das entsprechende Land vorbereiten. Ich meine jetzt nicht, dass man jede Sprache fließend sprechen können muss aber ein paar Brocken und vorallem Englisch als Weltsprache sollte man dann schon zusammen bringen oder?
3. Oktober 2009 um 00:45
“rammstein, pussy, porno, video, download, guido, fdp, westerwelle ”
Was sind das doch für geile Meta-Tags …
3. Oktober 2009 um 10:29
@Doc Schneider: Das ist in der Tat eine interessante Zusammenstellung von Schlagworten. Dennoch habe ich den Trackback entfernt.
Ebenso die Verlinkung von “T-Shirt Druck”. Die Meinung darf gerne hier stehenbleiben, aber die Weiterleitung zum kommerziellen Angebot des Kommentators ist ab jetzt entfernt.