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Interview mit Benjamin Birkenhake (anmutunddemut.de)

Ab heute starten wir eine neue Reihe hier im NW-Blog. Und zwar mit Interviews von Bloggern aus OWL. Schließlich fragen sich Blogleser nicht selten: Wer steckt überhaupt dahinter? Den Anfang macht Benjamin Birkenhake – kurz: Ben – vom Blog anmutunddemut.de. Ihn kenne ich jetzt seit sechs Jahren und er hat einen der interessantesten Jobs der Branche: Er kümmert sich um den Onlineauftritt der Wochenzeitung “Die ZEIT”.

Hi Ben! Wie geht es Dir denn so?

Dufte. Meine Süße ist krank. Hätte heute eh’ nicht weggekonnt.

Dann machen wir das eben so. Der erste sinnvolle Einsatz von Google Wave für mich*. Ehrlich. Im Übrigen verfolge ich parallel das Spiel St. Pauli gegen Arminia Bielefeld. Die Arminen führen sogar. Aber das interessiert Dich wahrscheinlich weniger, nicht wahr?

Kaum. Wobei alle meine Freunde da sind. Wenn ein Tor fällt, sag mal Bescheid!

Wie gesagt, die Arminia führt. Mit einem Tor. Dem Ticker nach sogar verdient. Unglaublich. Ich hab Thomas (Blog5) gestern in der Bahn getroffen, der mir von den dubiosen Umständen der Dauerkartenverlängerung in St. Pauli berichtet hat.

Stell mal die erste Frage. Ich bin sooo gespannt!

Ich könnte mir vorstellen, dass wir schon mittendrin sind.

Kuhl. Also … ähm … Bloggen macht Spaß!

Find ich auch. Ich fand den Bezug zu St. Pauli gerade so spannend, da Du ja immer nach Hamburg pendeln musst.

Ja. Die Jungs wollten mich eigentlich auch mitschleppen. Und eiiiigentlich wollte ich da ja auch mal hin. Aber zur Zeit ist Hamburg so ekelig. Wenigstens ist der Schnee langsam weg.

Ich kenne niemanden, der sich so abfällig über Hamburg äußert wie Du. Alle finden die Hansestadt töfte.

Ich schätze, ich bin auch der einzige Ostwestfale, der nur zum Arbeiten in Hamburg ist, und jedes Wochenende wieder nach Bielefeld kommt, oder?

Aber in der Tat ist meine Abneigung von etwas mehr geprägt als nur dem Pendeln. Klar, man verpasst viel, wenn man nur zum Arbeiten da ist. Aber die Größe von Hamburg bringt halt ein paar wirklich abstoßende Effekte mit sich. Wirklich schlimm ist der Jungfernstieg und alles drumherum. Dieser Reichtum und die Eitelkeiten, die da stolz zur Schau getragen werden. Das ist wirklich ekelhaft, gerade im Sommer.

Leider führt mich meine Arbeitsweg dort lang und auch durch die Mönkebergstraße. Pfui bäh. Die Hamburger, die man da sieht sind wirklich all das, was man an unserer Hornissen-Regierung nicht leiden kann.

Da bin ich wirklich jedes Mal froh, wenn ich in Bielefeld bin. Gestern noch zum Beispiel hab ich Sacha Brohm in der Fußgängerzone getroffen. Wie toll ist das?!

Ja, Sacha habe ich gestern nach seiner Abschiedslesung noch nachhause begleitet. Aber die Klientel, die Du da beschreibst, habe ich vorab noch in einer Bielefelder Kneipe angetroffen. Zum.. Egal. Ich bin ja der Fragensteller. Huh, die Kurve noch gekriegt. Ich wollte Dich ja schon immer mal fragen, wie man sich das vorstellen muss, was man als Teamleiter bei der ZEIT Online macht. Was ist denn das für ein Job?

Spannende Frage. Also zum einen muss ich gleich sagen, dass ich eigentlich gar kein Teamleiter bin, weil ich kein Team aus festangestellten Mitarbeiten zu leiten habe. Ich bin vor allem die rechte Hand meines Abteilungsleiters, also des technischen Leiters von Zeit Online.

Die Aufgaben sind da sehr vielfältig. Wir machen im Grunde genommen genau das, was ein normaler Blogger, der programmieren kann, auch macht. Wir haben Server, auf denen unser Redaktionssystem läuft. Das haben wir in Zusammenarbeit mit unseren Dienstleistern entwickelt und das hat inzwischen viele Ähnlichkeiten mit fortschrittlichen Blogsystemen.

Meine Hauptarbeit besteht darin, einzelne Projekte innerhalb von Zeit Online technisch zu planen und zu implementieren, beziehungsweise die Implementierung – also die Programmierung – zu koordinieren. Außerdem setze ich im Tagesgeschäft einzelne Anforderungen der Redaktion auch selber um.

Wir verbessern beispielsweise die Werkzeuge zur Moderation von Kommentaren stetig. Da baue ich gerade jetzt neue Statistik-Werkzeuge, die den Moderatoren stundengenau erlauben zu schauen, wo das Kommentaraufkommen wie groß ist, und welche User da zentrale Rollen einnehmen.

Außerdem war ich der verantwortliche Projektmanager für den Relaunch von Zeit Online 2009. Ich hab in den neun Monaten sowohl die Konzeption als auch die Implementierung koordiniert mit mehreren hausinternen Fachabteilungen und gut 20 externen Dienstleistern. Das war ein guter Schlag Arbeit, hat aber auch viel Spaß gemacht.

Das klingt allerdings nach viel Arbeit. Das Resultat, also nach dem Relaunch, sieht ja auch super aus. Schön schlicht und jede Menge Möglichkeiten für die Leser, sich zu beteiligen.

Danke. Was in diesem Rahmen vielleicht nicht unspannend ist, ist das drei weitere Jungs in der Technik seit langem ebenfalls Blogger sind und wir viele unserer Erfahrungen aus unseren Blogs haben einfließen lassen können. Private Blogs sind ein toller Spielraum, um Sachen ohne Kompromisse auszuprobieren. Das gilt sowohl für Technisches, als auch für Konzeptuelles und Gestalterisches.

Der 100e2r-(100% easy to read) Standard zum Beispiel, den unsere Designer, die “Information Architects”, “erfunden” haben, hatte ich schon 2007 auf anmut und demut eingeführt. Nico [Anmerkung: Nico Brünjes, Blog "Codecandies"] dann etwas später.

Lass mich raten. Demnächst gibt es auf ZEIT Online individuell gestaltete Artikel.

Hihi. Nein. Noch zeichnet sich das leider nicht ab. Die Anforderungen dafür sind ja recht hoch. Der “Rahmen” der Seite muss stimmen und die Kompetenz der Gestaltung muss im Grunde interdisziplinär sein. Das haben wir in einem großen Laden wie Zeit Online leider bisher nur selten.

Stichwort “Großer Laden”. Bist Du zufrieden mit den Wegen darin? Also bei Entscheidungsfindungen oder so? Oder fragen wir mal: Wieviel Leute sitzen zwischen Dir und [Anmerkung: dem ZEIT Online-Chefredakteur] Wolfgang Blau?

Also – gerade im Relaunch – war der Draht zu Wolfgang oft auch direkt. Und da wurde auch teilweise in sehr kleiner Runde geplant. Das hängt immer stark vom Projekt ab, und welche “Stakeholder” darin involviert sind.

Grundsätzlich bin ich eigentlich zufrieden mit den Wegen im Haus. Ich weiß, dass wir weitaus agiler agieren können, als viele Marktbegleiter und dass wir als Techniker nicht nur die Funktion der Programmierer im Maschinenraum haben.

Andererseits ist es aber auch so, dass man als Blogger natürlich ganz andere Flexibilität und Geschwindigkeit und vor allem Kompromisslosigkeit gewohnt ist. Das beeindruckt immer noch regelmäßig an dem Job, dass die Leichtigkeit, die ich kenne, wenn man alleine oder mit zwei, drei Leuten an einem Online-Projekt arbeitet, veschwindet, sobald es 20, 40 oder 60 Leute sind. Das “skaliert” irgendwie nicht so, was ich noch sehr schade finde.

Das ist definitiv eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre, sich hier nicht von der Entwicklung abhängen zu lassen.

Hast Du schonmal mit Helmut Schmidt [Anmerkung: der frühere Bundeskanzler ist Mit-Herausgeber der ZEIT] gesprochen?

Nein, leider nicht. Er ist zwar regelmäßig im Haus, aber man sieht ihn fast gar nicht.

Mit Giovanni di Lorenzo [Anmerkung: ZEIT-Chefredakteur] hatte ich zu tun, als wir 2008 “Netz gegen Nazis” gemacht haben. Da war ich ja auch leitender Techniker und habe der Redaktion sehr bei der Konzeption der Plattform geholfen.

Aber Helmut Schmidt … nein leider, leider nicht, bisher.

Oh, auch mal etwas für die weibliche Leserschaft. Versprüht Herr di Lorenzo denn auch als Chef soviel Charme?

Er ist in echt in der Tat eigentlich sogar noch charismatischer als im Fernsehen. Er hat eine wirklich beeindruckende Präsenz.

Was mich jetzt mal wirklich interessieren würde: Was hält Dein Arbeitgeber davon, dass Du bloggst und manchmal auch – obwohl nie abfällig – etwas über Interna erzählst? Hat man Dir eigentlich schonmal angeboten, auf einem ZEIT-Blog zu schreiben?

Also um die erste Frage zu beantworten: Gut. In einen Online-Unternehmen wird es natürlich gerne gesehen, wenn die Mitarbeiter auch jenseits ihrer Arbeit im Netz aktiv sind. Allerdings weiß ich gar nicht genau, wer außer meinem eigenen Chef und den Kollegen weiß, dass ich blogge. Ich hab das nie an die große Glocke gehängt.

Und ja … wir (die anderen Techniker und ich) pflegen seit langem ein gutes Verhältnis zum Digital-Ressort. Kai Biermann besucht uns regelmäßig und eigentlich hatte ich ihm auch versprochen was im Kulturkampfblog zu schreiben. Das hat sich leider noch nicht ergeben.

Ehrlich gesagt, muss man das aber auch ziemlich deutlich trennen. Da ich jetzt ja mit vielen exzellenten Journalisten zusammen arbeite und sehe, wie die ihre Texte erarbeiten – wirklich erarbeiten – muss ich ehrlich sagen, dass mein Bloggen schon eine wirklich grundsätzlich unterschiedliche Form der Textgenese darstellt.

Die haben da eine ganz anderen, natürlich professionellen Zugang zu und die gehen mit ihren Texten auch ganz anders um.

Ich weiß nicht, ob mir das Schreiben so noch Spaß machen würde. Oder um es mal mit Petra Schmitz (übers Bloggen) zu sagen:

“Am meisten aber gefällt mir das Unmittelbare. Denken. Tippen. Veröffentlichen.” (Link)

Wie machen das denn die Profi-Schreiber bei der Zeit? Sind die schon so gut mit den Online-Redaktionssystemen vertraut, dass die Texte gleich online gehen können oder sind dafür noch ein paar mehr Menschen und Schritte notwendig?

Das hängt ganz vom Text ab. Wir haben ja vom minutengetakten Meldungsjournalismus, über Meinungsstücke, bis hin zu langen Dossiers und ausgefallenen Blog-Formaten ziemlich viele Spektren.

Der News-Journalismus ist auf jeden Fall ausgesprochen schnell. Hier benötigt die Redaktion auch keinerlei technische Hilfe. Die Redakteure können im Redaktionsystem praktisch alles selber machen, einschließlich der Bildbearbeitung.

Wir haben aber auch noch eine Abteilung “Producing”, die hilft der Redaktion an vielen Stellen, ergänzt Artikel, produziert die Artikel, die aus dem Print kommen, und ähnliches.

Und natürlich haben wir auch eine eigene Graphik-Abteilung, die auch Bildredaktion macht, oder Infographiken baut.

Und für manche Angebote werden auch wir Techniker benötigt. Mashups machen zum Beispiel häufig wir.

Im Grunde ist es wie ein großes Blog, in dem alle Bereiche von jemandem besonders gut beherrscht werden, wo die meisten aber auch einen großen Teil der Funktionen verstehen und nutzen können.

Mir ist auch aufgefallen, dass das Dossier erst einige Tage später online geht, als es auf dem Papier habbar ist. Das hat wahrscheinlich strategische Gründe, nehme ich an. Habt Ihr denn viele Besucher und rechnet sich der Online-Auftritt für den Verlag mittlerweile?

Dass das Dossier erst ein paar Tage später erscheint, liegt mehr daran, dass die sehr langen Stücke aus dem Blatt halt auch ordentlich für Online aufbereitet werden sollen. Das dauert halt etwas. Und in der Regel sind andere Themen aus dem Blatt für Online zunächst spannender. Das ist ja das Wesen der Dossiers, dass sie eher nicht so zeitnahe Relevanz haben.

Was Besucher angeht, freuen wir uns seit dem Relaunch über sehr gute Wachstumszahlen, was aber nicht nur am Relaunch selber liegt, sondern auch daran, dass sich das redaktionelle Konzept damit viel besser umsetzen läßt. Die genauen Zahlen kenne ich leider nicht, aber die kann man prima bei der IVW nachsehen.

Was die geschäftliche Seite angeht – da weiß ich noch weniger, vor allem weiß ich nicht, was ich davon erzählen dürfte. Aber ich sag’s mal so: Zum einen sind wachsende Besucherzahlen immer auch gut für den Umsatz und zum anderen ist meiner bescheidenen Meinung nach allen Beteiligten klar, dass wir eigentlich erst am Anfang des Medienwandels stehen und, dass wir immer noch viel zu entdecken und zu lernen haben. Da lohnt es sich so oder so, eine Unternehmung wie Zeit Online zu betreiben.

Da spricht ja auch der Texttechnologe in mir. Wir stehen in vielen Hinsichten erst am Anfang. Das Netz wird unsere gesamte Schriftkultur tiefgreifender und nachhaltiger verändern, als wir uns das jetzt ausmalen. Jetzt nicht zu investieren, käme einer Kapitulation gleich.

Die große, allwissende Kristallkugel hat aber keiner von uns.

Richtig. Deswegen sind Blogs ja so wichtig. Sie sind Inkubatoren, in denen wir Textformen von morgen ausprobieren können.

Du sagst “ausprobieren”. Also hältst Du Blogs eher für eine Form, die, hm, nicht professionell angewandt werden sollte? Eher im privaten Bereich, so wie Du auf anmutunddemut.de?

Hm. Gute Frage. Also die meisten Blogs, die ich lese sind halt mehr oder weniger private Blogs. Blogs im journalistischen Umfeld leiden häufig darunter, sich eben in einem großen Unternehmen zu befinden. Das sehe ich bei uns ja auch. Da kann man halt nicht mal einfach das Theme für nur für ein Blog umbasteln.

Außerdem bieten private Blogs halt die Freiheit, dass man dafür niemandem außer sich selbst Rechenschaft schuldig ist. Ich glaube aber schon, dass Blogs in einem professionellen Umfeld auch eine wichtige Rolle erfüllen. Zeit Online hat ja auch reguläre WordPress-Blogs, die sich auch durch nichts ernsthaft ersetzen lassen. Man bekommt damit Autoren auf die Plattform, die sich nie im Leben in einem hochspezialisierten Redaktionsystem zurechtfinden würden. Das ist ja auch wichtig.

Journalistische Blogs teilen ein paar der Freiheiten privater Blogs, aber die privaten können zur Zeit halt weiter gehen. Was ich auch richtig und gut finde. Das öffentlich Private, das Nichtkommerzielle, Nichtprofessionelle ist ja ein wichtiger Aspekt des Netzes. Das hatten wir ja vorher kaum. Poetry Slams sind da vielleicht eine bemerkenswerte Ausnahme.

Ich merke schon, wir könnten uns stundenlang so unterhalten. Mal zu Deinem eigenen Blog, anmutunddemut.de Das betreibst Du ja inzwischen schon…ja, wie lange eigentlich? Neun Jahre?

Seit dem 10. September 2001 – einen Tag vor den Anschlägen auf das World Trade Center. Hier ist der Link zum ersten Eintrag: http://anmutunddemut.de/archive/all/2001/9/10

Huh! Da muss ich direkt mal reinblättern. Moment. Zwischenzeitig hat übrigens die Arminia den FC St. Pauli versenkt.

Ich bin wohl einer der wenigen noch aktiven Blogger, der dazu einen Blogeintrag zu hat: http://anmutunddemut.de/2001/09/11/daf

Hab ihn gerade gelesen. Nur ein ganz kurzer Beitrag , mit einem Mädchen, das eine “Yankees”-Jacke trägt, dazu noch “D.A.F.” betitelt. Man merkt schon bei Deiner metaphernreichen Sprache, dass in Dir ein Literaturliebhaber steckt.

Ein Literaturwissenschaftler geradezu, ein ausgebildeter obendrein. Ja. Das ist ja eigentlich das lustige. 2001, als ich mit Bloggen anfing, war mein Blog ja nur eines unter supervielen Online-Projekten, die ich damals gemacht habe. Viele davon waren auch literarisch und literaturwissenschaftlich motiviert, aus dem Studium heraus.

Davon übrig ist nur noch mein Blog und ein paar Zip-Dateien mit Backups. Inzwischen bündele ich ja alles in meinem Blog.

Und ich würde mal tippen, dass wenn man das Netz nach Deinen Neologismen und Sprachkreationen durchsucht, man ein ziemlich genaues Umfeld Deiner Leser oder Kontakte gestrickt hätte. Ich meine, ich bin bestimmt nicht der Einzige, der mehr oder weniger bewusst so Sachen wie die eingedeutschte Schreibweise von “Cool” in “Kuhl” von Dir übernommen hat. Oder noch viele andere Sachen, die mir jetzt spontan nicht einfallen.

Das mit den Sprachkreationen und Neologismen, das geht ja nicht alleine auf meine Kappe. “Kuhl” zum Beispiel stammt von Sascha vom Blog5.de. Und Sprachspielerei ist ein großes Hobby in meinem Freundeskreis. “Das Jahr des falschen Präteritums” war ja auch ebensowenig meine Idee, wie das sich nachhaltig daraus in mein Gehirn gefressene “schrob”.

Ich glaub, als “schrub” hab ich es das erste Mal in einem Buch von Helge Schneider gelesen.

Der ist bei meinen Freunden auch sehr beliebt. Kann sein, dass das auch daher kommt. Ich bin da nur Sprachrohr für einen Haufen Freunde, die halt nicht bloggen, oder twittern.

Falsch gebeugte Verben is what “das Jahr des falschen Präteritums ” is all about…

lacht

…and what my heart is yearning for. Apropos Twitter: Ein Dienst, mit dem Du Dich anscheinend nicht so recht anfreunden kannst, während alle anderen Onliner ihn nutzen, als gäbe es kein Morgen mehr. Woher kommt Deine Abneigung demgegenüber?

Zuviel Lärm. Im Ernst. Das meiste, was ich dort zu lesen bekam, wollte ich nicht lesen. Und ständig bekommt man Mails, weil einem irgendwelche Marketingfuzzis und Businesskasper “followen” wollen. Menschen, mit denen ich im echten Leben nichts zu tun haben will, tummeln sich plötzlich in meiner Inbox.

Das war nicht nach meinem Geschmack.

Denen muss man ja nicht selbst “followen”. Aber ich seh schon, da spielt der persönliche Geschmack eine nicht zu unterschätzende Rolle. Für den Traffic auf Newsseiten ist Twitter aber nicht zu verachten.

Doch. Völlig. Trafficmäßig bringt das fast nichts. Schau Dir mal die wichtigsten Themen bei Rivva an. Die haben wieviel Retweets? 300? Multiplizier das mal mit drei … 900 Klicks. Das ist nichts für einen Artikel in einer Online-Zeitung.

Was wichtig an Twitter ist (für eine Online-Zeitung): Da sind Entscheider, und Meinungsführer – das war ja auch schon beim Bloghype so. Da sind die Leute, deren Meinung man schätzt, die auch die eigene Wahrnehmung der Qualität der eigenen Arbeit beeinflußt.

Einen Retweet von Jeff Jarvis zu bekommen ist in einer anderen Währung etwas wert und in dieser Währung werden journalistische Produkte ja seit jeher gemessen. Früher waren das zum Beispiel Scoops.

Oh, stopp. Nicht, dass wir uns jetzt missverstehen. Ich bin jetzt nicht vom einzelnen Artikel und der Beachtung seines Themas ausgegangen. Nicht qualitativ, sondern rein quantitativ haben wir, glaube ich, bei nw-news schon einigen Zulauf über Twitter. Aber ich vermute ganz stark, dass ich in dem Punkt jetzt auch meine Kompetenzen überschreiten würde, wenn ich hier Prozente nenne. Da weiß ich nämlich gerade auch nicht, ob ich das dürfte.

Ah. Ok. Hm. Ich glaube, für regionale und nationale Titel gelten da unter Umständen andere Regeln. Das kann ich nur schwer einschätzen. Zum einen kann Regionalität bei Twitter ja besser funktionieren. Zum anderen könnte es auch schlicht an den unterschiedlichen Dimensionen liegen. Aber ich kenne ja Eure PI-Zahlen auch nicht.

Und dazu kommt ja noch die Frage, was ein PI im jeweiligen Umfeld wert ist. Das kann sich ja auch nochmal erheblich unterscheiden. Grundsätzlich sind wir uns aber einig: Dienste wie Twitter sind auch wichtig für den Online-Journalismus, schon alleine, weil sie die Form des Nachrichtenkonsums ändern.

Früher kamen Nachrichten in der Regel zuerst über die Massenmedien zu einem und dann hat man darüber im Freundes- und Bekanntenkreis gesprochen. Meine Nachrichten kommen jetzt in der Regel zuerst aus meinem Freundeskreis und erst von dort aus werde ich zu den Massenmedien geleitet. Meine Freunde und Bekannten nehmen jetzt immer häufiger die Gatekeeper-Funktion ein, die früher die Öffentlich-Rechtlichen und die Zeitungen hatten.

Man könnte also sagen, der Nachrichtenkonsum wird individualisiert?

Jein. Die Massenmedien bleiben ja bestehen. Das wird ja auch deutlich, wenn man sich Rivva ansieht. Die meisten Sachen, die dort landen, führen ja wieder zurück zu den alten Massenmedien. Aber es liegt jetzt ein individueller, Filter aus Personen davor, denen ich vertraue, häufig Freunde.

Hier kommen Blogs ja auch wieder ins Spiel. Blogs machen einen großen Teil meines “Nachrichtenkonsums” aus und Blogs haben ja eine höhere Erstellungshürde, als Mikrobloggingdienste. Ich messe Artikel in Blogs mehr Wert bei und das vor allem, weil ich den Menschen dahinter traue. Wenn ich weiß, dass das gute Leute sind, die da schreiben, und ich weiß, dass sie sich die Arbeit gemacht haben, weil es ihnen wichtig ist, dann ist das ein exzellenter Indikator für mich, dass das Thema gut ist.

In meinem Feedreader gibt es die Kategorie “Bestblogs” – davon lese ich gut 90%. Mehr als auf jeder Nachrichtenseite, mehr als in jeder Zeitung, sogar mehr als in den Print-Magazinen, die ich wirklich liebe, wie GEO und De:Bug.

Nochmal zu Deinem eigenen Blog. Es gibt ja diesen Standardvorwurf an Blogger, sie würden lediglich Selbstbeweihräucherung betreiben. Jedes Mal, wenn ich bei Dir etwas lese, habe ich den Eindruck, Dein Blog wäre das perfekte Gegenbeispiel, so unprätentiös schreibst Du dort. Du hattest auch einmal sinngemäß geschrieben, Du würdest es bloß als gesammelte Notizen an Dich selbst betrachten. Wieso machst Du diese dann öffentlich einsehbar?

Also erstmal danke für das Lob. Ich bin mir ja nicht so sicher, was den Tonfall angeht. Ab und an trete ich ja schon etwas lauter auf. Das ist dann schon auch deutlich mehr als nur Notizen an mich selber. Das schreibe ich dann schon, auch um meine Leser zu erreichen und meiner Wut Ausdruck zu verleihen.

Aber grundsätzlich ist die Zettelkastenmetapher richtiger als die Zeitungsmetapher. Ich würde auch weiter bloggen, wenn ich sicher wäre, keinen einzigen Leser zu haben. Gerade nach sovielen Jahren freue ich mich sehr, soviel aufgeschrieben zu haben. Ich schaue oft nach, wer ich damals eigentlich war. Öffentlich mache ich das alles, weil es mehr Spaß macht. Ich hab zwar nicht viele Leser, dafür aber ganz großartige. Viele davon sind meine Freunde oder sogar durch den Kontakt über mein Blog zu Freunden geworden. Und ich schreibe da ja auch nichts rein, von dem ich nicht möchte, dass es öffentlich ist. Das ist eigentlich sogar eine spannendsten Sachen beim Bloggen.

Ich hab auch mal geschrieben, dass ich es für eine Art “öffentliches, inneres Exil” halte. Wir (und damit schließe ich die Blogs vieler Freunde ein) bloggen zwar für jeden sichtbar, aber es kommt dann halt doch nicht jeder vorbei. Gleichzeitig schafft der persönliche Ton in den Blogartikel und der freundschaftliche Umgangston in den Kommentaren ja eine Form von Privatsphäre. Es ist ein bisschen so, wie im Park grillen. Da sieht man auch die anderen Grillparties und Picknicks, schert sich aber nicht so sehr um die.

Stimmt, was die Wut betrifft, erinnere ich mich zum Beispiel an den von Dir so oft geschmähten, ich zitiere, Wolfgang, “der es unternimmt, unsere Ordnung zu beseitigen”, Schäuble. Aber damit würden wir wohl jetzt ein viel zu großes Fass aufmachen.

Mein Gefühl sagt mir, dass Du doch einen nicht gerade kleinen Leserkreis hast. Ich meine, sogar A-Blogger wie Felix Schwenzel (wirres.net), zitieren und verlinken Dich ab und zu.

O.K., Felix ist aber neben Don Dahlmann auch schon der einzige A-Blogger, der mich ganz selten mal verlinkt. Solang es die Netzeitung gab, hatte ich noch Glück, dass Malte Welding den Blogblick gemacht hat, da war ich auch, ein zwei mal drin. Aber Meine Feed-Abonnenten war selten mehr als 200.

Darüber würde sich manch einer freuen.

Naja. Bei 200 Abonnenten muss man sicher auch ein paar Bots und Aggregatoren und so abziehen.

O.K., ich glaube, der Textbrocken an Interview ist inzwischen ziemlich gewaltig geworden. Dennoch fallen mir immer mehr Dinge ein, über die ich gerne mit Dir noch reden würde. Aber ich habe gerade eine Idee: Was hältst Du davon, wenn wir das hier in unregelmäßigen Abständen mal wiederholen?

Bitte gerne. Es ist mir ein Freude und Ehre!

Am besten mailst Du mir dann, weil ich Wave sonst eigentlich nie nutze und das im Zweifel ein paar Wochen nicht sehe, wenn hier eine Frage steht. Bei E-Mails reagiere ich in der Regel sofort.

Wann musst Du morgen los und wie lange fährst Du nach Hamburg?

6.40 Uhr geht mein Zug. Vorausgesetzt, die Züge fahren dann wieder.

Dann bin ich um 8.54 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof und 10 Minuten später im Verlag. Das Pressehaus ist ja zum Glück mitten in der Innenstadt.

Dann will ich Dich für heute mal nicht länger von der Krankenpflege abhalten. Aber ich wollte auf jeden Fall noch sagen, dass das einen sehr großen Spaß mit Dir hier gemacht hat.

Danke. Das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Ich freue mich auch sehr schon auf die Interviews mit Bloggern. Bielefeld hat in der Hinsicht sooo tolle Leute.

Auf jeden Fall. Mach’s gut, Ben, und wünsch auch von dieser Seite gute Besserung.

Danke. Richte ich gerne aus.

*Ben und ich hatten ursprünglich vorgehabt, uns zu treffen. Da das aber zeitlich nicht hingehauen hat, haben wir gestern dafür das Tool Google Wave benutzt. Damit hat es ebenfalls fantastisch funktioniert.

Siehe auch:
Teil 2: Stefan Schulz (sozialtheoristen.de)
Teil 3: Dr. Uwe Walter (F.A.Z.-Blog “Antike und Abendland”)

(Bildquellen: Hier und hier)


Geschrieben am Montag, 01. März 2010
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20 Kommentare zu “Interview mit Benjamin Birkenhake (anmutunddemut.de)”

  1. Thomas
    1. März 2010 um 10:56

    Sehr schön!

  2. AndreasK
    1. März 2010 um 14:01

    “Ich schätze, ich bin auch der einzige Ostwestfale, der nur zum Arbeiten in Hamburg ist, und jedes Wochenende wieder nach Bielefeld kommt, oder?”

    Nope! Habe im Januar im Zug einen Wirtschaftsprüfer getroffen, der’s ganz genauso macht. Dass die beiden sich nicht kennen, ts … ;o)

  3. ben_
    1. März 2010 um 19:27

    @AndreasK: Nach drei Jahren erkennt man doch ein paar Gesichter wieder. Aber ganz der Ostwestfale bin ich lieber still im Zug. Was mich aber inteerssieren würde ist, ob es der Wirtschaftsprüfer wohl auch so gruselig in Hamburg findet.

  4. Spung
    2. März 2010 um 11:24

    Ganz toll wäre es, wenn in den anderen Artikeln auf nw-news.de auch endlich Links gesetzt werden würden – wozu ein Onlineangebot machen, wenn man dann die Möglichkeiten des Mediums nicht nutzt?

    Bei dem Artikel über den Bielefelder Klub langer Menschen wäre z.Bsp. ein Link auf die Hompage des Vereins angebracht, sowohl online als auch in der gedruckten Ausgabe.

  5. NW
    2. März 2010 um 12:45

    @ Spung

    Vielen Dank für den Hinweis. Für den Artikel im Internet haben wir die Verlinkung nachgeholt, für die Zeitung war es leider zu spät ;-)
    Wir geloben Besserung,
    NW

  6. Brohm
    2. März 2010 um 14:24

    schöne neue einrichtung. bitte mehr davon.

    hinzu kommt, dass ich in jedem der drei letzten beiträge dabei gewesen bin. schaff ich es auch in den neuesten?

  7. Rouven (Author)
    2. März 2010 um 14:29

    @Brohm: In der Tat, das nahm ein bisschen Überhand. Künftig musst Du also ordentlich was bieten. Schreib eine Geschichte über die Bielefelder Blogger, dann sehen wir weiter ;-)

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