Macht Euch nackig!
Nach dem vereitelten Terroranschlag von Detroit sind derzeit die “Nackt-” beziehungsweise Körperscanner die begehrtesten Mittel zur Wiederherstellung der Flugsicherheit. An dieser Forderung ist unter anderem interessant, dass selbst die neuen Geräte, die den äußeren Körper abtasten sollen, den Sprengstoff oft nicht entdecken würden: Schlaue Attentäter trügen das explosive Mittel schließlich in der Regel im Körper, so sieht es die ZEIT (siehe Artikel hier).
Dort heißt es ebenfalls, dass der sicherste Flughafen der Welt, der Ben Gurion Airport in Tel Aviv, stattdessen lieber auf gut geschultes Sicherheitspersonal setzt und damit sehr erfolgreich fährt. Darüber hinaus weist die taz darauf hin, dass der vom Detroit-Attentäter verwendete Plastiksprengstoff PETN von Hunden hätte aufgespürt werden können, wenn es denn alle Passagiere zulassen würden, von ihnen im Intimbereich beschnüffelt zu werden (siehe Artikel hier).
Es gäbe also andere Möglichkeiten als den Einsatz der Scanner, ungeachtet der Tatsache, dass auch in diesem Fall, wie kurz vor dem 11. September 2001, die Geheimdienste ihre vielen Informationen nicht gut genug filtern konnten. Müssen diese neuartigen Geräte also sein, mit denen wir bis auf die Haut betrachtet werden können?
Die künftige EU-Justizkommissarin Viviane Reding warnt vor einem Bruch mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit und empfiehlt die Suche nach Alternativen, um möglichst gering in die Rechte der Bürger einzugreifen (siehe NW-Artikel hier). Demgegenüber würde sich über die Hälfte unserer Leser laut der aktuellen Umfragewerte lieber durchleuchten lassen (siehe Link hier). Es erweckt also den Anschein, als wenn die Bürger einerseits ihre Sicherheit wichtiger ansehen als ihre Privatsphäre, und sie andererseits einem technischen Gerät mehr als allen anderen Maßnahmen zutrauen, diese Sicherheit zu gewährleisten. Obwohl es bekanntlich absolute Sicherheit nie geben kann.
An der befürwortenden Reaktion der Öffentlichkeit lässt sich gut ablesen, wie verängstigt sie inzwischen geworden ist, so dass sie bei dem Reizwort “Terror” manches bereit ist, in Kauf zu nehmen. Die FDP, die in der neuen Bundesregierung den Anspruch der Bürgerrechtspartei innehatte, wankt in diesem Punkt bereits. Die Bielefelder Blogger Hokey (Link) und Carsten (Link) weisen auf die entsprechenden Heise-Artikel hin, in denen sowohl Guido Westerwelle als auch die Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger die Scanner befürworten, sofern sie den Schutz der Intimsphäre gewährleisten (siehe Artikel hier und hier).
Carsten war es auch, der diese Gewährleistung mit einem Zitat des Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar (Link) in Frage stellte:
Können die neuen Scanner tatsächlich unterscheiden zwischen einer Beinprothese und einem am Unterschenkel angebrachten Gegenstand? Müssen Brustamputierte damit rechnen, dass ihr Implantat offenbar wird? Wie sieht es mit Transsexuellen aus, deren äußeres Erscheinungsbild und die primären Geschlechtsmerkmale nicht übereinstimmen? Kann der Scanner wirklich unterscheiden zwischen einem Sprengstoffpäckchen und einem künstlichen Darmausgang? Und was zeigt der Scanner an, wenn Menschen, die an Inkontinenz leiden, eine Windel tragen (das sind allein in Deutschland schätzungsweise an die 10 Millionen Betroffene)?
Das BILDBlog konnte immerhin klarstellen, dass die Körper der gescannten Personen nicht so deutlich konturiert erkennbar sind, wie die BILD-Zeitung es in der Vergangenheit darstellte (siehe Link hier). Was und wie bisherige und neuartige Geräte den Menschen zeigen können, ist in dieser kurzen Reportage der Deutschen Welle zu sehen:
Welche Technologie eingesetzt und mit welchen Kosten dies verbunden sein wird, entscheidet sich erst nach den Tests im Sommer, nach der Landtagswahl in NRW. So sagte es Bundesinnenminister De Maizière in der ARD-Sendung “Bericht aus Berlin” (siehe Link hier).
Demnach scheint es mittlerweile Konsens zu sein, dass die Körperscanner tatsächlich kommen. Es muss nur noch über das “Wie” entschieden werden.
NW-Links:
Artikel: Neue EU-Kommissarin sieht Körperscanner skeptisch
Umfrage: Befürworten Sie eine Durchleuchtung bis auf die Haut?
Anderswo:
ZEIT Online – Nackter Unsinn
taz – Wie den Sprengstoff entdecken?
Hokeys Blog – Null Profil
toomuchinformation.de – Die geistig-politische Wende als Wiedereinführung des Standesdünkels
BILDBlog – Kehraus 2009
Weitere Blog-Meinungen hierzu aus OWL:
Photo&Graphix – Nacktscanner am Flughafen oder doch lieber Social Networking?
Wildbits – Nacktscanner
Mokel.org – Nacktscanner 2.0
anmutunddemut.de – Quis custodiet ipsos custodes?
Powerbook-Blogger – Blinder Anti-Terror-Aktionismus
(Bild: notionscapital, Lizenz)
Geschrieben am Dienstag, 12. Januar 2010
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13. Januar 2010 um 13:12
Vielleicht darf ich an dieser Stelle auf die Online-Petition zu Körperscannern (vulgo Nacktscannern) aufmerksam machen:
http://tinyurl.com/yea55fk