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Minarette und Fremdenangst

Seitdem 57,5 Prozent der Schweizer sich in einem Referendum gegen den Bau von Minaretten ausgesprochen haben, überschlagen sich hierzulande die Beteuerungen, dass ein solches Verbot hier nicht möglich sei. Der vorgeführte Grund der Schweizer Kampagne, sich lediglich auf Bauvorschriften zu beziehen, wurde anhand des Plakates schnell als Vorwand entlarvt: Das Plakat würde mit seinen vielen Minaretten, die die Schweizer Nationalflagge “durchbohren”, und der vermummten Frau daneben (siehe Beispiel hier) lediglich Fremdenängste schüren. So hatte es unter anderem der Detmolder Blogger “almabu” erkannt (siehe Link hier).

In Deutschland kann ein solches Verbot nicht durchgesetzt werden. Das lässt die verfassungsgemäß garantierte Ausübung der Religionsfreiheit und die Freiheit, seine Identität auszuleben, nicht zu. Frédéric Valin sieht das bei Spreeblick so. Zitat:

Um teilzunehmen an einer Öffentlichkeit muss man öffentlich sein. Man, und das heißt hier: die Muslime müssen das Recht haben, auf das hinzuweisen, was sie sind, was sie wollen und wie sie es wollen.

Und nach dem Ergebnis des Schweizer Volksentscheid wird sich allerorten bemüht, zu zeigen, dass etwas gegen die bestehenden Ängste gegenüber dem Fremden unternommen wird. Auch in Bielefeld betonen die Vertreter der drei monotheistischen Religionen, “arbeiten gegen diese Tendenzen seit Jahren an. Sie feiern zusammen das Abrahamsfest, laden zu gemeinsamen Veranstaltungen in Kirchen, Moscheen und die Synagoge ein und führen den so genannten Trialog” (siehe NW-Artikel hier). “Das Unbehagen bei Nichtmuslimen dem Islam gegenüber – und bei Muslimen den Nichtmuslimen gegenüber – ist trotzdem ausgeprägt geblieben”, heißt es im Artikel weiter.

In Bielefeld existieren derzeit zwölf Moscheen, allesamt ohne Minarett. Die Vatan-Moschee im Ortsteil Brackwede hatte ursprünglich vor, ein 19 Meter hohes Minarett zu bauen, woraufhin sich viel Widerstand in der Nachbarschaft regte. Das Bauamt würde ein 16 Meter hohes Minarett genehmigen, und es wurde neu beantragt. Doch gegen diese klagte ein Nachbar, die Entscheidung vor dem Verwaltungsgericht steht noch aus.

Auch diese einzelne Entscheidung dreht sich also um Bauvorschriften. Ob der Widerstand oder die Klage aufgrund von Fremdenängsten entstanden ist, ist hier völlig unklar und spekulativ. Der Bielefelder Blogger Thomas hält es bei “wildbits.de” für gefährlich, den Bau verhindern zu wollen. Zitat:

Wer den Bau von Minaretten und Moscheen verbietet, drängt die Gläubigen an den Rand. An den Rand der Gesellschaft und der Städte, wenn Glaubenshäuser in Industriegebieten gebaut werden müssen oder aber Gebetsräume nur in schäbigen Hinterhöfen möglich sind. Gerade das führt zur Isolierung. Wer seinen Glauben öffentlich ausleben und zeigen kann, integriert sich besser, weil er Akzeptanz erfährt.
Das Argument, dass schließlich in manchen islamischen Ländern auch keine christlichen Kirchen gebaut werden dürfen, ist nicht nur besonders schwach und lächerlich, sondern fällt auf den zurück, der es anführt. Nur weil anderswo Toleranz missachtet wird, kann dies kein Maßstab sein, um selber auf Toleranz zu verzichten.

Der Bad Oeynhausener Andreas ist allerdings skeptisch, ob sich die Deutschen anders verhalten hätten. So schreibt er auf seinem Blog “Mein Senf” (siehe Link hier): “Glaubt eigentlich irgendjemand hier tatsächlich, dass ein Bürgerentscheid zu dem Thema in Deutschland anders ausgehen würde, als in der Schweiz? So blauäugig ist hoffentlich niemand.”

Der Bielefelder “Hokey” geht dann sogar so weit, die Schweiz künftig meiden zu wollen. Zitat:

So leid es mir um die schönen Berge tut, aber neben Italien zählt ab heute auch die Schweiz zu den europäischen Ländern, die ich bei einem Urlaub bestenfalls als Transitland nutzen werde. Sollen die doch mal ruhig alle brav unter sich bleiben, die Überfremdungsängstlichen.

Im Hinblick auf die Folgen von Angst warnt aber der Bielefelder “NixZen” davor, die Schweiz nun pauschal zu verurteilen. Vielmehr sollten die Bewohner des Alpenstaats ihre Ängste ernst nehmen und sich nicht nach außen hin verschließen. Zitat:

Die Angst sucht sich ihren Kanal, leider wird damit die grundsätzliche Ursache der Angst nicht behoben, nur verschoben. Sie bleibt erhalten und wird womöglich größer und noch subtiler. Das hat meistens eine Depression zur Folge, diese äußert sich in Wut oder/und Resignation. Die Schweizer sollten lernen offen über sich nachzudenken, sich fragen, was die Schweiz im 21 Jahrhundert darstellen soll.
Noch haben die Schweizer die Kraft und die Offenheit dazu, sie sollten die Chance nutzen. Jetzt die Schweizer pauschal in die rechte Ecke zu drücken und mit dem Finger auf sie zu zeigen, bewirkt nur das Gegenteil von dem, was man sich wünscht. Die Schweizer fühlen sich missverstanden und mauern gegen die Außenwelt und letztendlich gegen sich selbst. Eine zugemauerte Schweiz braucht Europa nicht. Ängste von Menschen sind ernstzunehmen, auch wenn uns der Grund manchmal nicht passt, oder wir ihn gar nicht verstehen.

Es scheint also noch jede Menge zu tun zu sein. Nicht nur an Bauvorschriften, sondern auch mit interkulturellem Diskurs.

NW-Artikel:
Wenn eine Religion Angst macht

Anderswo:
almabu – Intolerant: Schweizer lehnen Minarette ab
Spreeblick – Zur Anti-Minarett-Initiative in der Schweiz
wildbits – Rettet Mina!
Mein Senf – Minarette
Hokeys Blog – So leid es mir um die schönen Berge tut…
NixZen – Die Schweiz, das Kreuz mit der Angst

(Bild: al-taqi, Lizenz)


Geschrieben am Samstag, 12. Dezember 2009
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2 Kommentare zu “Minarette und Fremdenangst”

  1. Neue Westfälische - Blogspot
    23. Januar 2010 um 14:15

    [...] grundgesetzlich garantierten Ausübung der Religionsfreiheit tolerant gegenüber eingestellt sind (siehe Blogbeitrag hier). Das mit Sicherheit treffendste Argument für den Bau war das, dass Minderheiten, sofern man sie [...]

  2. Silke
    31. Dezember 2010 um 00:55

    _Jede_ Religion kann einem Atheisten Angst machen. Repressalien gegen eine Religion, ist jedoch i.d.R. nur Hass auf alles Fremde.

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