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Interview mit Dr. Uwe Walter (F.A.Z.-Blog “Antike und Abendland”)15. März 2010

Teil 3 der Blogger-Interviews, heute mit Dr. Uwe Walter. An der Uni Bielefeld ist er Professor für alte Geschichte und darüber hinaus Dekan der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie. Seit Januar 2009 findet er sich neben Bloggern wie Don Alphonso, Andrea Diener oder Michael “Mspro” Seemann wieder, da er eines der Blogs der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt. Im Blog mit dem Namen “Antike und Abendland” hilft Walter, historisches Bewusstsein zu erweitern oder zu entwickeln. Denn er weiß, “dass wir auf den Schultern von Riesen stehen und dennoch oft genug nicht weiter sehen als diese.

Über Ihr Blog bin ich früher schon einmal gestoßen, auf Umwegen und über Verlinkungen. Dabei war mir aber noch nicht bewusst, dass es sich bei dem Autoren um einen Geschichtsprofessor aus Bielefeld handelt. Das ist ja nun nicht die naheliegendste Textform für einen Geschichtswissenschaftler, so ein Blog zu schreiben. Wie sind Sie denn darauf gekommen?

Das geht ganz auf einen äußeren Anstoß zurück. Ich schreibe seit 1998 gelegentlich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung Rezensionen, Geburtstagsartikel, auch mal etwas bildungspolitisches. Und der Feuilletonchef der F.A.Z., Patrick Bahners, ist irgendwann im vorletzten Jahr, 2008, auf mich zugetreten und hat gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, so einen Blog zu machen. Die F.A.Z. wolle sich jetzt diesem neuen Feld widmen und hat also eine ganze Reihe von Blogs bereits eingerichtet. Teilweise von Redakteuren, teilweise auch von Leuten wie diesem Don Alphonso, der hauptsächlich in der Bloggerszene eine gewisse Prominenz besitzt. Ich habe keine Ahnung, wer das ist.

Rainer Meyer heißt der, glaube ich. Er ist aber so ein „Enfant terrible“ der Medienszene.

Ja, genau. Bahners hatte mich also gefragt, ob ich mir so etwas vorstellen könnte und ich habe das dann zunächst weit von mir gewiesen, weil ich es mir nicht vorstellen konnte. Er ist dann aber sehr hartnäckig geblieben. Und auch einer der Gründe, warum ich mich dann letztlich darauf eingelassen habe, dass die F.A.Z. - wie alle Zeitungen – wirtschaftlich im Moment in schweres Wasser geraten ist, was dazu geführt hat, dass es einfach im Blatt weniger Platz gibt für bestimmte Dinge.

Also, ich kann dort keine längeren Rezensionen, Ausstellungsberichte und so weiter mehr unterbringen. Das ist alles weniger geworden, wofür ich auch Verständnis habe. Da ist dann insofern der Blog in gewisserweise auch eine Kompensation, eine Art nicht gedruckte Kolumne. Ich hatte dann eigentlich mal angefangen mit wenig Elan, zunächst, weil ich es mir – wie gesagt – nicht vorstellen konnte und diese Szene auch in keiner Weise verfolgt hatte.

Bestücken Sie das selbst oder reichen Sie die Texte ein?

Nein, nein, ich bestücke das selbst. Jedenfalls hatten wir uns dann geeinigt, dass ich im Monat eine gewisse Zahl von Texten dort bringe und dahingehend auch ganz frei bin. Ja, und seit dem existiert das dann. Ich muss jetzt aber die Schlagzahl ein bisschen reduzieren, weil es einfach zuviel Zeit kostet. Wegen der anderen Pflichten als Hochschullehrer.

Übrigens. Ein berühmter Kollege, ein Theologe und Leibniz-Preisträger, den ich gelegentlich treffe, hat mir neulich stark ins Gewissen geredet, mit diesem Unfug aufzuhören: „Ein Professor bloggt nicht“.

Und was halten Sie selbst davon? Macht Ihnen das Spaß?

Eigentlich schon, sonst würde ich es nicht mehr machen. Solange mir noch etwas einfällt und es irgendwie reinpasst und es Gelegenheit gibt, Dinge zu machen, die vielleicht im Blatt sonst keinen Platz hätten, mache ich es eigentlich ganz gern.
Technisch ist das so, dass dort so ein Zugang eingerichtet ist, über den ich die Texte einstellen kann, und die werden dann gegengelesen, aber ich glaube, das erledigt eine Maschine. Von einer Maschine, die so eine Art Filter darstellt für bestimmte No-Go-Ausdrücke. Die werden dann automatisch rausgefiltert und dann werden die Texte ins Netz gestellt.

Interessant, so ein Verfahren kannte ich bis jetzt nicht.

Ja, ich hatte mal in einem Beitrag, in dem es um die Geschichte der Sklaverei ging, eine kurze Episode aus der Fernsehserie „Roots“ erzählt. In einem Abschnitt kam das Wort „Nigger“ vor, was einfach in diesem Zusammenhang funktional war. Das wurde mir von dieser Maschine sofort gestrichen. Das Wort ist also so ein No-Go.

Dann scheint man bei der F.A.Z. in dieser Hinsicht schon etwas weiter zu sein.

Also, ich vermute das zumindest, dass das mechanisch funktioniert. Der Bindestrich war in dem Kontext stehengeblieben, nur das „Nigger“ war gestrichen. Seit dem hatte ich damit aber auch keine Probleme mehr.

Was glauben Sie, woher kommt dieses Ressentiment ihres Theologie-Kollegen gegenüber diesem Format?

Der hält das für unseriös. Ich solle lieber Bücher schreiben, sagte er. Herr Bahners hatte mir gesagt, als ich davon berichtete, dass in den Vereinigten Staaten sogar Nobelpreisträger bloggen.

Stimmt, die Form ist hier noch nicht so etabliert. Wenn ich mir ihre Beiträge ansehe, dann haben die im Gegensatz zu anderen Blogs schon eher den Charakter von Fachaufsätzen, mit Quellenangaben und so weiter.

Nun ja, sie sind sehr unterschiedlich, je nachdem, worum es geht. Wenn es zum Beispiel darum geht, eine Person sozusagen dem Vergessen zu entreißen, auf eine Ausstellung hinzuweisen, etwas aktuelles aufzugreifen und ein paar Gedanken dranzuhängen. Manchmal ist es auch relativ frei assoziierend, manchmal ist es auch relativ schulmäßig. Ich hab auch schon einmal eine Vorlesung zusammengefasst, auf drei Seiten, und das dann reingestellt. Das ist sehr unterschiedlich, was mir gerade so einfällt. Ich versuche manchmal auch, Dinge über mehrere Texte zu verteilen, so bestimmte Storylines aufzubauen.

Das ist mir auch bereits aufgefallen. Auf die Inhalte können wir gleich noch kommen. Aber Sie haben ja schon eine Fangemeinde dort, nicht wahr? Das habe ich gesehen in den Kommentaren, als Sie einmal angekündigt haben, eventuell nicht mehr weiterzubloggen wegen der Urheberrechte bei den Bildern.

Ja, die Urheberrechte der Bilder. Das ist in der Tat eine ganz ärgerliche Angelegenheit. Ich kann das einerseits verstehen, und die F.A.Z. hat sich ja selbst zu einem Bannerträger des Urheberrechts gemacht, gegenüber dem Perlentaucher zum Beispiel. Das alles kann ich sehr gut verstehen, aber es ist natürlich so, dass viele Dinge nur mit den Bildern zusammen funktionieren. Und ich war da sicherlich bisher ein bisschen gedankenlos, wenn ich Sachen übernommen oder aus Büchern herausgescannt habe. Aber da bedarf es einer größeren Mühewaltung. Ich will aber auch nicht diesen Umweg über die Bildredaktion in Frankfurt gehen, weil das dann eine zusätzliche administrative Schleife ist, die Spontaneität tötet.

Aber als sie die Überlegung, damit aufzuhören, so explizit gemacht haben, hat man schon gesehen, dass da in den Kommentaren seitens ihrer Leser „aufgejault“ wurde. Es gab ja sogar einige Leser, die sich deshalb das erste Mal angemeldet haben, um überhaupt einen Kommentar abgeben zu können.

Das ist richtig. Ansonsten sind es einige wenige Kommentatoren, einige besonders unentwegte. Man hat dann natürlich auch Leute, die den Text mehr oder minder zum Anlass nehmen, ihre eigene Weltsicht – sagen wir es einmal ganz neutral – zu verbreiten, die in der Regel nicht die meine ist. Das kommentiere ich aber meistens nicht, weil das, glaube ich, zu Turbulenzen führt. Ich schreibe ganz selten Erwiderungen.

Es gibt so einen Grundsatz bei Internetdiskussionen, der nennt sich „Don’t feed the trolls“. Mein in etwa: Wenn man sie füttert, dann kommt noch mehr davon.

Das kann ich gut verstehen. Aber es werden immerhin unter die Gürtellinie zielende, fäkalische, rassistische Texte dort herausgefiltert. Ich sehe das gelegentlich bei anderen Zeitungen, wo das oftmals ungefiltert steht. In der „Welt“ beispielsweise, wo man dann auch zu den Artikeln häufig schmähende und unter aller Würde, dahingeschmierte Kommentare findet, und offenbar niemand diese filtert oder herausnimmt. Das finde ich sehr, sehr irritierend bei einer guten Zeitung. Aber bei der F.A.Z. scheint das stattzufinden.

Bei uns muss die Redaktion auch persönlich nachgucken, die Kommentare sind dann erst in Wartestellung.

Ich habe auch in so einer internen Verwaltungsfunktion die Möglichkeit nachzuschauen, wieviele Klicks es gibt. Und, naja, die Zahlen sind nicht hoch. Ich komme in der Regel auf Tausend…

Am Tag?

Nein, insgesamt. Also pro Eintrag. Es ist in der Regel vierstellig. Manchmal 2000. Beim absoluten Spitzenreiter bin ich jetzt bei 5000 oder 6000. In dem Beitrag ging es um „Star Trek“. Dort ist offensichtlich eine Fangemeinde über Suchmaschinen hingekommen. Dann hat aber einer dazu geschrieben, der Text sei mit langen Sätzen und unverständlichen Wörtern versehen. Der Autor müsse ein Intellektueller sein. Das war dann anscheinend doch nicht das richtige für ihn.

„Star Trek“ als Thema in Ihrem Blog wundert mich auch ein bisschen. Vielleicht kommen wir mal zum Titel: Antike und Abendland. Wie hängt das zusammen? Ich tue mal so, als hätte ich es nur leicht überflogen. Sie ziehen Verbindungen zwischen dem heutigen Abendland, dem Westen, und der Antike. Inwiefern können wir denn heute von der Antike lernen?

In einem platten Sinne: Wenig. Darum geht es mir als Historiker aber auch gar nicht, sondern ich glaube, dass Europa nicht geographisch definierbar ist, auch nicht religiös oder mit anderen, greifbaren Parametern. Europa ist deswegen existent, weil es sich immer wieder mit Rückgriff auf seine Vergangenheit neu erfunden hat. Beginnend, sagen wir, mit der karolinischen Renaissance oder der Renaissance in Italien. Auch mit dem Klassizismus in Frankreich, dem Humanismus im 19. Jahrhundert, der Griechenland-Sehnsucht. Und die Antike hat in dieser Neudefinition Europas immer eine ganz zentrale Rolle gespielt. Sie ist also nicht eine Wegweiserin für die Gegenwart, sie ist in diesem Sinne eher eine Art kritische Instanz.

Wenn wir uns beispielsweise einmal anschauen, wie in unseren modernen, repräsentativen Demokratien das Politische funktioniert, dann ist es natürlich unsinnig zu sagen: Wir müssen jetzt zurück zu antiken Modellen. Weil die an Voraussetzungen gebunden waren, die gar nicht mehr existent und auch nicht wiederherstellbar sind. Wir können aber aus diesem Rückblick eine Art kritischen Blick auf unsere eigene Gegenwart gewinnen. Beispielsweise die mangelnde Intensität des Politischen, die in antiken Stadtstaaten eben ganz anders war.

Der Titel „Antike und Abendland“ besteht im Wesentlichen eben wegen dieses permanenten Rückgriffs und dieses letztlich unzerschneidbaren, allenfalls vergessbaren, Bandes, und da die verschiedenen Epochen des europäischen Abendlandes immer wieder auf die Antike zurückgeworfen werden. Gleichzeitig ist der Titel ein bisschen ironisch, weil „Abendland“ natürlich ein ideologisch besetzter Kampfbegriff gewesen ist, vor allen Dingen in der Zeit nach 1945. Das christliche Abendland als Bollwerk gegen den Bolschewismus zum Beispiel, was auch manchen alten Nazis ermöglicht hat, sich unter dem Signum des Humanismus und des Anti-Kommunismus wieder in die demokratische Nachkriegsordnung einzufädeln.

Es gibt auch ein oder zwei Blogeinträge mit einer anschließenden, sehr heftigen Diskussion unter den Lesern, worin genau das reflektiert wurde. Und dort habe ich dann auch einmal klargestellt, wie ich zu diesem Titel gekommen bin.

Es ist also einerseits programmatisch, andererseits aber auch gebrochen und selbstironisch.

Diesen Rückgriff tun sie andauernd in Ihren Beiträgen. Da nehmen Sie dann, habe ich gesehen, oft etwas aus der aktuellen Tagespolitik hervor, zum Beispiel den ständigen Vergleich des römischen Imperiums mit den USA. Oder, und da bot es sich auch an, die “spätrömische Dekadenz” von Guido Westerwelle. In letzterem Fall war es sogar mal notwendig, zu beleuchten, was er damit meinte. Können Sie das vielleicht noch einmal erläutern, weshalb er da falsch lag?

Er lag da deswegen falsch, weil Dekadenz gar kein materieller, historischer Begriff ist, sondern eine Zuschreibung, die bereits auf einen antiken Diskurs zurückgeht und die sich seit der Antike untrennbar mit dem Luxus verbindet. Deswegen ist das im Zusammenhang mit einer Hartz IV-Debatte grundsätzlich die falsche Straße. Westerwelle ist dann ja auch entgegengehalten worden, mit Dekadenz könnte man eher bestimmte Phänomene unter den Reichen und Superreichen bezeichnen. Ich bin andererseits, wenn Sie so wollen, soweit empathiebereit, dass ich durchaus verstehe, was er gemeint hat. Dass sich eine Gesellschaft bestimmte Fragen nicht mehr stellt und sich in bestimmten, gewordenen Verhältnissen einfach einrichtet und nicht mehr bereit ist, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Das ist etwas, was mit Dekadenz auch verbunden ist.

Dekadenz ist ein Sich-Einrichten in der großen Vergangenheit und der unmittelbaren Gegenwart, aber ist die Verweigerung, in die Zukunft zu schauen und dafür zu planen und zu handeln.

Ich glaube, das war in dem Beitrag auch der entsprechende Punkt, nicht wahr? Also, dass er zum einen Luxus mit Dekadenz gleichsetzte und dass zum anderen, in der Vergangenheit das römische Imperium eigentlich an etwas ganz anderem zugrunde gegangen ist.

Genau.

Sie hatten an der Stelle auch jemanden zitiert, Michael Grant, der eher der Ansicht war, dass sich die Gesellschaft Veränderungen gegenüber verschloss.

Genau. Dass sie einfach erstarrt ist. Bürokratisch erstarrt und dass die gleichsam Ruhigstellung vor allen Dingen der breiten Bevölkerung durch Geschenke ein ganz marginales Phänomen war. Im Gegenteil, die breite Bevölkerung ist in der spätrömischen Zeit durch bürokratische und fiskalische Zwangsmaßnahmen geradezu geknebelt worden. Die Leute durften ihre Äcker und ihren Berufsstand nicht mehr verlassen, die mussten Steuern zahlen und wurden rekrutiert. Die sind vom Staat kujoniert worden wie es nur ging. Aber auch da ist der Begriff der spätrömischen Dekadenz völlig fehl am Platze.

Es zeigt natürlich, wie lebendig diese Epoche und dieses Phänomen noch ist, selbst als ganz weit verblasstes und ganz weit abgesunkenes Kulturgut.

Gibt es dann tatsächlich eine Parallele zwischen der heutigen Zeit und dem damaligen Verfall des römischen Reichs?

Nein, eine Parallele nicht, aber dass wir es sozusagen noch aufgreifen können und dass Fehlentwicklungen in der heutigen Gesellschaft noch mit den Begriffen „Dekadenz“ und „spätrömisch“ kodiert werden können, das zeigt, dass wir von der Antike nicht wegkommen.

Ich hatte mir sogar sinngemäß notiert, was Sie geschrieben hatten: Die Römer hätten es versäumt, sich von überholten Denkmodellen zu lösen. Und blieben deshalb Veränderungen gegenüber gleichgültig.

Genau das ist das, was Westerwelle meint. Dass eine Gesellschaft sich in einem Ist-Zustand einrichtet und versucht, den mit allen Mitteln zu verteidigen, ohne dies aber in einer kreativen Weise zu tun.

Wodurch fühlen Sie sich denn zum Schreiben eines Blogbeitrags angetrieben? Bedarf es da so eines tagesaktuellen Themas wie Westerwelles Äußerung?

Ja, da musste ich einfach. Dazu hat sogar Don Alphonso etwas geschrieben, wobei ich seinen Beitrag allerdings ziemlich arrogant fand.

Das ist ja auch sein Markenzeichen.

Bei ihm lief es einfach darauf hinaus, dass Westerwelle ein ungebildeter Aufsteiger ist und nicht weiß, wovon er redet. Während er, Don Alphonso, bereits im Teenager-Alter mit seinen Eltern Italien-Urlaube gemacht hat und dort, in den Museen von Florenz, ein differenziertes Bild von Europa, der Welt und dem späten Rom und so weiter gewonnen hat. Das fand ich relativ arrogant.

Letzte Woche hatte ich einen bloggenden Soziologen interviewt, der das Ganze unter dem funktionalistischen Aspekt betrachtet hatte. Dabei hatten wir zufälligerweise auch wieder diese Westerwelle-Debatte angesprochen. Und der Soziologe war der Ansicht: Doch, die Äußerungen besäßen doch schon ihre Funktion.

Zweifellos. Ich wollte mich jetzt auch gar nicht groß in diese Debatte einloggen, aber es bot sich einfach an. Da ich auch häufiger über das Imperium Romanum schreibe und über Gibbon, der ja mit seinem Werk „Decline and Fall of the Roman Empire“ derjenige ist, der diesen Diskurs überhaupt geformt hat, musste ich einfach dazu etwas sagen.

Ansonsten sind es Jubiläen von Personen oder Ereignissen. Es sind manchmal neu erschienene Bücher, die ich zufälligerweise in die Hand bekomme, aber nicht rezensieren kann oder will. Oft sind auch Ausstellungen Thema, wenn ich sie besucht habe oder auf die ich hinweise. Da spielte im letzten Jahr natürlich diese ganze Varusschlacht-Geschichte eine große Rolle, wobei ich manche, sehr witzige Begleitprogramme einer satirischen Kritik unterzogen habe.

Welche Begleitprogramme waren das denn zum Beispiel?

In dem Programm zur Ausstellung in Kalkriese machte zum Beispiel die Müllabfuhr Werbung damit, dass sie in dieser Region seit 2000 Jahren darin versiert sei, Abfuhren zu erteilen. Die wurde dann mit einer Karikatur versehen, auf der ein Müllmann in der Mülltonne zu sehen war. Es war der Abfallzweckverband Bramscher Land, glaube ich, und das fand ich schon etwas kurios.

Ich behandele aber auch schon einmal künstlerische Events. Auf denen dann irgendwelche Leute arythmisch auf Perkussionsinstrumenten herumschlagen und dann damit eine Verbindung zum chaotischen Rückzug der römischen Truppen herstellen. Das waren dann Dinge, die sich mir nicht so recht erschlossen haben.

Ich bin aber auch gerne bereit zu loben, zum Beispiel die großartige Ausstellung in Haltern. Das war einfach ein großes Erlebnis.

Und das sind dann wahrscheinlich so Sachen, für die man nicht unbedingt einen Artikel für eine Fachzeitschrift beginnt, nicht wahr?

Nein, für eine Fachzeitschrift ohnehin nicht, das würde ja zu lange dauern. Und im Blatt selber, ich hatte ja gelegentlich Ausstellungsberichte gemacht, das machen jetzt die Redakteure. Weil die sich auf das Personal, das sie haben, konzentrieren müssen. Dann brauchen sie nicht mehr so viele Externe, die sie großzügig honorieren müssen. Das ist ja auch alles in Ordnung.

Manchmal verwende ich aber auch Anregungen, die ich von Kollegen bekomme. Zum Beispiel bekam ich ungefähr vor einem Jahr eine Rundmail von einem älteren, amerikanischen Kollegen, den ich gar nicht kenne. Darin forderte er dazu auf, eine Petition an Präsident Obama zu unterzeichnen. In dieser wurde Obama dazu aufgefordert, die Regierung von Mazedonien in Skopje zu zwingen, ihre Geschichtspolitik zu ändern. Diese Geschichtspolitik laufe nämlich auf eine Usurpation des Makedonentums hinaus. Und das Makedonentum und Philipp und Alexander gehörten ohne Zweifel Griechenland.

Das wurde dann in einem längeren Artikel, der der Mail beigefügt war, begründet in einer wissenschaftlich völlig unhaltbaren Art und Weise. Mazedonier seien nämlich Slawen, während die Griechen die legitimen Erben der antiken Makedonen seien. Das habe ich dann ein wenig aufgespießt und es war insofern interessant, weil auch einige hierzulande sehr prominente Altertumsforscher diese Petition unterschrieben haben. Ohne sie zu lesen, wie ich dann hinterher erfahren habe. Was ihnen dann sehr peinlich war.

Diese Petition war an Skurrilität und Peinlichkeit nicht zu überbieten.

Ob Obama sie jemals zu Gesicht bekommen hat?

Immerhin hatte sie zu dem Zeitpunkt bereits 300 Unterzeichner.

Ausschließlich Wissenschaftler?

Ja. Klar, da haben irgendwelche Griechen ihre Freunde in aller Welt mobilisiert. Es trug ohne Zweifel die Handschrift von griechischen Kollegen, die diese Identitätsstiftung von einer sehr handfesten Art mitbetrieben haben. Wobei man ihnen natürlich zeigen könnte, dass das heutige Griechenland mit dem antiken nichts, aber auch gar nichts zu tun hat, sondern dass das eine reine retrospektive Kontinuitäts- und Identitätsstiftung darstellt.

Das war einmal so ein Beispiel für einen längeren Artikel, in dem ich ein Thema geschichtspolitisch behandelt habe.

Und sie haben wahrscheinlich vor, das auch noch weiterhin zu betreiben?

Wie gesagt, mit einer etwas geringeren Schlagzahl. Also wahrscheinlich nur noch vier Texte pro Monat. Es waren bisher, mit relativer Regelmäßigkeit, immer sechs. Das Dekanat nimmt zu viel Zeit ein. Und ein Buch, das noch zu schreiben ist. Es geht hier im Moment ziemlich hoch her, da wir mehrere Baustellen zu bespielen haben.

Dann freuen wir uns trotzdem auf noch weitere Beiträge auf „Antike und Abendland“.

Ich weiß nicht, wie lange ich das noch weiter betreibe. Es kann auch sein, dass es einmal Knall auf Fall eingestellt wird, wenn es dann eines Tages gezwungen erscheint und ich mir die Sachen nur so zusammensuchen muss.

Ich habe übrigens doch ein paar Inspirationen. Es gibt beispielsweise im „Times Literary Supplement“ einen Blog von Mary Beard, einer sehr prominenten und skurrilen Altertumswissenschaftlerin, die in Cambridge lehrt. Sie betreibt einen etwas idiosynkratischen, aber von sehr guten Beobachtungen geprägten Blog, der nun weit über ihr Fachgebiet hinausgeht. Sie reist zum Beispiel sehr viel und gibt dann ihre Impressionen wieder. Manchmal sind es dann aber auch Dinge, die im weiteren Sinne die Antike betreffen, und das greife ich dann manchmal auch auf. Gelegentlich kann man das dann ein wenig bissig kommentieren. Aber die Kommentare bei Mary Beard sind teilweise auch von einer teilweise exquisiten Qualität, auch was sprachliche Disziplin betrifft.

Ist dieses „Frotzeln“ unter Kollegen üblich?

Doch, schon. Aber es ist immer wohlwollend gemeint.

Dann muss ich mir das Blog von Mary Beard auch einmal ansehen. Vielen Dank für das Gespräch.

Siehe auch:
Teil 1: Benjamin Birkenhake (anmutunddemut.de)
Teil 2: Stefan Schulz (sozialtheoristen.de)

Die schönsten Straßen Bielefelds14. März 2010

Was die ARD mit ihren schönsten Bahnstrecken Deutschlands kann, das können wir schon lange. Und dabei stecken wir „Google Street View“ gleich mit in einen Sack.
Lokaltermine, die in die äußeren Bezirke führen, bieten sich passend zum Ausklang des Wochenendes für die schönsten Straßen Bielefelds an. Wie zum Beispiel diese Strecke hier, vom Beginn der Stapenhorststraße nach Großdornberg. Und damit haben wir es außerdem amtlich: Von der Stadtmitte bis dorthin benötigen Autofahrer, zumindest samstagnachmittags, unter Einhaltung der Höchstgeschwindigkeit, nur siebeneinhalb Minuten.
Das Video taugt für die Außenwelt übrigens ebenfalls als Beweis für die oft wiederholte These, dass es sich sehr schnell vom Bielefelder Zentrum in ländliche Gebiete gelangen lässt.

Kommen Sie mit auf eine kurze Fahrt durch den Westen der Stadt, während das musikalische Programm Radio Bielefelds zum Träumen verleitet und das Bild zu einem Drittel von fantasiebeflügelnden Scheibenwischern eingenommen wird:

P.S.: Um der zwangsläufigen Kritik gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, gebe ich offen zu: Es erwies sich im Nachhinein als keine gute Idee, die kleine Kamera mit unzähligen Tesa-Streifen auf dem Armaturenbrett des NW-Polos zu fixieren. Das nächste Mal nehme ich einen sicherheitsfördernden Backstein mit, damit die Linse besser über die Lamellen der Scheibenwischer lugen kann.

P.P.S.: Das Räuspern zu Beginn stammt tatsächlich von mir. Anscheinend kündigt sich da eine Erkältung an.

Blog der Woche: Wurst und Fleisch13. März 2010

Manche Blogger schreiben nicht einfach nur so zum Spaß, über ihr Leben oder darüber, was ihnen passiert und was sie denken. Es gibt Blogger, die erfüllen eine Mission und widmen sich ganz nur einem Thema. Dieser Enthusiasmus “für die Sache” muss gewürdigt werden. Und darum beginnen wir die Rubrik “Blog der Woche” mit einem Weblog, das sich um ein urwestfälisches Thema kümmert: Wurst und Fleisch!

Die Bielefelder Blogautoren “Mett Groening” und “Dieter Thomas Hack” sorgen sich rührend um die Wurst und präsentieren allerhand Netzfunde über kreativen Umgang mit geballtem Cholesterin. Das Blog ist vielleicht nicht besonders pädagogisch wertvoll im Umgang mit richtiger Ernährung. Und auch der gefühlt hohe Anteil an Fleischverweigerern im Bielefelder Westen wird diese Notiz mit Grauen ignorieren. Doch all diesen sei gesagt: Die Schreiber bezeichnen sich selbst als “wurstliebende Vegetarier”.

Was immer das auch bedeuten mag: Für alle diejenigen, die es nicht abwarten können, am Neujahrstag die Grillsaison zu eröffnen, sind die Infos des “Wurst und Fleisch”-Blogs eine Bereicherung. Neben fleischhaltiger Architektur,…

präsentieren sie liebevolle Hackfleischbesprechungen, zeigen neuartige Wege des Muskelaufbaus oder neue Modetrends, gelegentlich auch mit kuriosen Werbespots. Wie zum Beispiel dem Spot für einen Fußmassage-Salon mit integriertem Barbecue:

So viel Mühe und Sammelleidenschaft will belohnt werden. Zum Beispiel mit einer Empfehlung für die Blog-Abos: Wurst und Fleisch.

Aus OWL, dem Landstrich für’s Grobe.

Bloglinks aus OWL vom 12.03.201012. März 2010

  • Bei “Mokel.org” weiß der Autor, weshalb der Winter so lange dauert: Es liegt an einem Zusammenspiel zwischen inaktiver Sonne und hausgemachter Klimaerwärmung: Link
  • Der Paderborner Taxi-Blogger Torsten appelliert an die Moral seiner Kollegen. Manche “Besorgungsfahrten” sollten sie sich besser überlegen, insbesondere dann, wenn es sich um Suchtmittel wie Alkohol handelt und “Co-Abhängige” betroffen sein könnten: Link
  • Thomas hat ein weiteres Beispiel seiner jüngsten Reihe “Sex sells” gefunden. Dieses Mal geht es um “Westfalens Viagra”: Link
  • Andreas war auf Fototour in Bad Oeynhausen unterwegs und hat die Schäden an den dortigen Radwegen dokumentiert. Die vielen Beispiele zeigen: Darauf mit dem Fahrrad zu fahren, kann ganz schön halsbrecherisch sein. Link
  • Frau “@irsigns” Theater-Abo macht sich auch für ihre Mitleser bezahlt. Gibt’s im Bielefelder Stadttheater ein neues, interessantes Stück, erfährt es der Schauspielinteressierte dort und kann sich zu einem Besuch inspiriert fühlen. Neu ins Programm aufgenommen wurde offenbar  “Eine Familie” (Original: “August: Osage County”). Und der Bericht davon liest sich gut: Link
  • “Hippo” stellt im Blog5 die Optimismuskurve zwischen Arminia-Heimniederlage und Auswärtsspiel grafisch dar (Link). Das war aber noch vor dem Rauswurf von Trainer Gerstner. Danach sah die Kurve dann wie folgt aus: Link
  • Der Film “Männer, die auf Ziegen starren” ist jetzt in den Kinos angelaufen. Was den Filmtitel betrifft, kennt es der Höxteraner “Spackentreff” aber auch andersherum: Link
  • Haushaltsgeräte halten nicht ewig, geben irgendwann einmal den Geist auf und müssen ersetzt werden. Bianca aus Rahden will aber offenbar mit ihrem neuen Bügeleisen in eine Erdumlaufbahn reisen: Link

Da ist die Luft raus!11. März 2010

Noch vor den neuesten Neuigkeiten um den Bielefelder Zweitligisten (siehe NW-Artikel hier) ist heute Mittag diese Sequenz bei “belauscht.de“, Deutschlands Mitlausch-Portal, eingegangen:

Bielefeld. An einer Bushaltestelle.

Ich renne zum Bus und komme völlig aus der Puste an und steige ein. Der Busfahrer grinst mich an und sagt:

“Meine Dame, Sie machen ja Arminia Konkurrenz!”

belauscht in Bielefeld von Ish

Link:
belauscht.de - Da ist die Luft raus

Sex sells Holzpellets10. März 2010

[entdeckt von Thomas]

Arminia auf dem Rücksitz09. März 2010

Das gestrige Desaster auf dem Almrasen wurde natürlich gleich nach Abpfiff kommentiert. Und zwar reichlich. Im Blog5 wird erkannt, dass die Arminen im Spiel gegen den KSC “zur Abwechslung mal beide Halbzeiten verpennt haben” und die Bieleborner halten die Aktion “Dauerkarte+1″ für verfehlt, da niemand so ein Spiel gerne sehen würde. Lutz stört sich an einer Äußerung Gerstners über ausbleibende Zuschauer und Blogger “NixZen” findet es immerhin bemerkenswert, dass der Stadionsprecher in seiner Musikauswahl noch Ironie beweist.

Doch einen stört das alles längst nicht mehr. Blogger Carsten hat seinen Lieblingstaxifahrer getroffen. Der hätte es eigentlich nicht mehr nötig, Leute durch die Gegend zu fahren. Er würde dies nur noch zum Spaß tun. Aber zum Fußball hat er eine eigene Meinung entwickelt. Zitat:

Als ich gestern einstieg, fiel mir sofort auf, dass auf dem Radio-Display WDR 4 angezeigt wurde.

Nanu? sage ich, Arminia spielt und hier ist WDR 4 an?

Ach, hörnse mir auf mit Arminia. Da spielt überhaupt nur noch ein Bielefelder. Nur ein Bielefelder, was ist denn daran Arminia Bielefeld? Außerdem steht’s da 0:1. Das wird nichts mehr. Das wird überhaupt nichts mehr, die überschätzen sich einfach. Aber das war schon immer so. Schon früher. Da saßen se früher hinten auf der Rückbank

(nimmt den Arm vom Steuer und zeigt mit dem Daumen über seine Schulter nach hinten)

und haben ihre dreckigen Geschäfte ausgemacht und gemeint, wir hier vorne verstehen das nicht. Das haben die gedacht.

[...]

Was der Taxifahrer dann noch alles erzählt hat, kann man bei Carsten an dieser Stelle nachlesen.

NW-Artikel:
Arminia: Hilflos, konzeptlos, ideenlos

Anderswo:
Blog5 - And the winner is…Augsburg!
Die Bieleborner - Heimschlappe gegen den KSC
Geydan.net - Arminia - Karlsruher SC 0:1
NixZen - Arminia Bielefeld - Karlsruher SC 0:1
Logbuch.Caasn.de - Auf dem Rücksitz

(Bild: Stephan Geyer, Lizenz)

Interview mit Stefan Schulz (sozialtheoristen.de)08. März 2010

Teil 2 der Blogger-Interviews. Heute mit Stefan Schulz, einem Soziologie-Studenten an der Uni Bielefeld kurz vor dem Diplom, der zusammen mit acht anderen Kommilitonen das Blog-Projekt “Sozialtheoristen.de” betreibt. Spätestens seit dem dortigen Beitrag “Das rundum gute Internet” sind die Bielefelder in der bundesweiten Blogosphäre ein Begriff. Stefan Schulz ist von den Autoren der - mit Abstand - fleißigste Schreiber.

Hallo Stefan. Dass Du Dir für eines der Blogger-Interviews Zeit nimmst, freut mich ganz besonders. Wie geht es Dir?

Mir geht es, obwohl Deutschland gerade eines der ganz schlechten Spiele abgeliefert hat, gut. Ich freue mich ein bisschen für die Maradona-Gang und besinne mich, dass wir eine Turniermannschaft haben. Solche Spiele eignen sich als abendfüllendes Thema, es war ein netter Abend.

Das war in der Tat keine gute Leistung von unseren Rasenrecken. Zumindest so, wie ich das mit einem Auge mitbekommen habe. Aber immerhin haben wir damit schon einmal signalisiert, wann das Interview stattgefunden hat.

Hm, vielleicht mal eine Frage zu Beginn, bevor wir zum Blog beziehungsweise zu den Blogs kommen. Du meintest zu mir vorab per E-Mail, dass Du - Zitat - “nicht so gern zu viel Aufhebens um’s ins Internet schreiben” machst. Da müsste ich eigentlich gleich mal nachhaken, wieso Du es dann tust. Was ich hiermit getan habe. Also nachhaken.

Damit sind wir ja schon bei den “Blogs”. Die Formulierung “ins Internet schreiben” hab ich mir bei Felix Schwenzel geliehen. Es ist die unaufgeregteste und somit beste Beschreibung dessen, was mit “Bloggen” viel zu überbetont wird. Ich schreibe ins Internet, weil es geht und weil es Spaß macht. Und mir ist jede Unterscheidung zwischen “Twittern”, “Bloggen” und “Sharen” egal. Um gleich mal auf die Sozialtheoristen zu kommen: Diese Seite gibt es, weil wir einige Diskussionen, die wir im Soziologenkreis führen, festhalten wollten. Die Seite dient weder der Belehrung, noch der Aufklärung noch der Weltrettung. Wir schreiben einfach ins Internet. Bei mir läuft sie unter “Soziologenjournal”, dass trifft es gut.

Ah, gut. Damit hast Du mir schon die nächste Frage vorweg beantwortet. Ich kannte Dich bisher über Dein eigenes Blog, das Du wohl früher mal unter dem Titel “Amazemans Journal” hattest laufen lassen.

Es ist gar nicht so lange her, vielleicht zwei Monate, da bin ich über Verlinkungen eben bei Wirres.net und Carta.info auf einen Artikel bei den Sozialtheoristen gestoßen, also auf Umwegen. Der Artikel hieß “Das rundum gute Internet” und ich fand ihn einfach nur phantastisch. Als ich dann feststellte: “Huch, das seid Ihr ja!” war das wieder einmal dieser Momente, in denen man versucht ist zu glauben, das deutsche Internet sei ein Dorf.

Ich würde sagen, die deutsche “Blogosphäre” ist ein Dorf. Es handelt sich um einen kleinen Kreis von vielleicht 30 zentralen Blogs, die seit fünf bis zehn Jahren eine Themensuppe kochen. In deren zirkulierenden Verlinkungen tauchen dann ab und zu andere Seiten auf, wie zum Beispiel auch mal die Sozialtheoristen. Twitter war in dem Sinn eine echte Innovation. Man überblickt mehr und schneller was für einen selbst interessant, wichtig oder witzig ist. Twitter ist das eigentliche Tor ins Internet. Die “Blogosphäre” war dies nie. Viele jammern nun, dass die Relevanz von Blogs (ein sowieso stetes Thema) weiter beziehungsweise wieder nachlässt. Ich kann die Twittersphäre nur begrüßen - sie zeigt, dass das Internet mehr ist als eben dieses Blogosphärendorf. Ich will aber nicht alles schlecht reden. Wenn Felix Schwenzel was über’s Internet ins Internet schreibt, sieht das so aus - wild kopiert, umgekontextet, verschönert - großartig.

Oh ja, Schwenzels Beitrag über die Internet-”Gesetze”. Der schwirrt bei mir immer noch in den Markierungen als einer herum, den ich mal zu Ende lesen müsste. Aber vielleicht können wir später noch einmal auf einzelne Entwicklungen wie zum Beispiel Twitter zurückkommen.

Wie gesagt, bei den Sozialtheoristen handelt es sich um Kreis von Soziologen. Wäre es zuviel verlangt, zu fragen, was Eure Sicht der Dinge von derjenigen anderer unterscheidet?

Jo, wir sind alle Studierende der Soziologie in Bielefeld. Das heißt, wir kennen uns aus Seminaren und anderen Kontexten, in denen es soziologisch zugeht. Das bedeutet meist, es wird theoretisch über Probleme geredet, die es erstmal konkret nicht gibt. Die größte Herausforderung (nach dem Verstehen der Theorien) des Soziologiestudiums besteht darin, auch die “soziale Wirklichkeit” zu verstehen. Und mit Verstehen soll gemeint sein, besser verstehen, als die Akteure der “sozialen Wirklichkeit” selbst verstehen. Soziologisches Verstehen unterscheidet sich von anderem Verstehen. Bei den Sozialtheoristen spiegelt sich das wieder. Ich würde sagen, ein Soziologe schreibt genau entgegengesetzt zu einem Journalisten, behandelt aber die gleichen Themen.

Ich glaube, ich ahne, worauf es hinausläuft. Es mag ja für die meisten merkwürdig klingen, wenn Du sagst, Ihr kümmert Euch um Probleme, die es so konkret nicht gibt. Ich habe den Verdacht, dass hier gleich der Systembegriff genannt wird. Also, dass, wenn man erstmal ein System von etwas abgegrenzt hat, man gucken kann, wo darin mögliches Konfliktpotenzial besteht. Kommt das in etwa so hin?

Den Systembegriff hätte ich vermieden. Aber dafür den Problembegriff strapaziert. Eine der großen Linien in der Soziologie ist der Funktionalismus, der sich idealtypisch etwa so formulieren lässt: Alles was erscheint, erfüllt eine Funktion, die auch anders erfüllt werden könnte. Die Frage ist dann, wieso so und nicht anders? Oder - älter und philosophischer: “Wieso ist einiges und vieles nicht?” Soziologisch fragt man also nicht nach dem Wesen, sondern nach der Problemstellung von sozialen Phänomenen. Alle Dinge, die der Journalismus wesenhaft aufklärt, lassen sich in einem Soziologenjournal problematisieren. Und das macht in erster Linie Spaß. Man fragt also, mit Bezug auf “Das rundum gute Internet” nicht: Wie funktioniert das Internet, wer sind die Stars, welche Firmen verdienen wie ihr Geld damit, sondern: Wieso gibt es das Internet in seiner heutigen Form? Eine im Internet sehr vernachlässigte Frage.

(Wenn man dazu Theorien nutzt, die den Systembegriff zentral stellen, müsste man aber sagen, dass man nicht das System von anderem abgrenzt. Die erste Erkenntnishürde liegt darin nachzuvollziehen, wie sich Systeme selbst von Anderem abgrenzen.)

Aha. Also, wenn ich den Funktionalismus so richtig verstehe, bedeutet das, dass man die Existenz aller Dinge und Strukturen (darunter lasse ich jetzt mal das Internet fallen) nicht rechtfertigen muss. Und zwar einfach aus dem Grund, weil sie da sind. Denn sie erfüllen eine Funktion (zum Beispiel Kommunikation) und sie haben wegen dieser Funktion Benutzer.

Die grundlegenden Fragen sind die wichtigsten und schwierigsten. Aber es lässt sich alles darauf zurückführen. Die zentrale Frage ist: “Wie ist soziale Ordnung möglich?” Daran stellen sich dann einige Anschlussfragen, die sich gut kontextualisieren lassen. Beispielsweise: Wie orientiert sich der Einzelne? Orientieren sich Menschen eher an anderen Menschen oder sozialen Prinzipien? Welche (sachlichen, räumlichen, zeitlichen, naturwissenschaftlich-technischen, sozialen) Merkmale spielen welche Rolle im sozialen Miteinander? Und so weiter. Das sind alles Fragen, die soziale Phänomene problematisieren, also einen funktionalen Zusammenhang herzustellen versuchen. Diese Fragen sind auch ganz generalisiert gestellt. Sie können auf alles angewendet werden. Es ist eine besondere Prämisse der Soziologie, Fragen zu haben und dann die Empirie daran zu kontrastieren. Anstatt umgekehrt einen Sachverhalt zu haben und diesen dann mit theoretischer oder anderer Hilfe zu rechtfertigen oder ähnliches. Es sind stets “Wie-funktioniert-es”- und keine “Warum-gibt-es”-Fragen. Um aufs Internet zurückzukommen: Es ist das reinste Chaos. Bevor sich die Frage, wie die Ordnung möglich ist, klären lässt, müsste erstmal erforscht werden, was Ordnung im Internet bedeutet.

Ich könnte mir vorstellen, dass “Ordnung im Internet” für so ziemlich jeden Nutzer etwas anderes bedeuten kann, je nachdem, welche Funktionen ich nutze. Das Internet erfüllt ja offenbar nicht nur eine Funktion.

Es scheint tatsächlich ein zentraler Punkt zu sein, dass das Internet für jeden was anderes ist, und daher keine einheitliche Ordnung entsteht beziehungsweise erkennbar ist. In vielen sozialen Sphären wissen wir, wie wir uns situationsgerecht verhalten müssen: Supermarkt, Kaufhaus, Schule, und so weiter. Die gleichen Menschen würden sich in den jeweiligen Kontexten jeweils angepasst und das heisst jeweils anders verhalten - und alle kommen zurecht. Das “Internet” passt nun nicht in diese Kategorie. Es ist eher eine Art “Zweitwelt”, die erst intern neue soziale Kontexte schafft: Chaträume und Social-Kram, Fernsehen, Bildung, Wirtschaft, … Das Internet kopiert die analoge Welt in die digitale. Aber gerade diese Unterscheidung zu ziehen, ist mit großen Problemen verbunden. Es gibt eben nur eine Gesellschaft, die weder nur digital noch nur analog ist. Es ist alles sehr kompliziert. Das Problem spürt man an allen Ecken: Wenn Politiker, Geschäftsleute, Schüler, Mütter und “Netzaktivisten” übers Internet sprechen, hat jeder seine eigene Idee davon. Es würde schon helfen, das Wort “Internet” weitgehend zu vermeiden, um gezwungen zu sein, zu beschreiben, was man tatsächlich meint.

Hast Du einen Vorschlag, was man stattdessen für einen Begriff verwenden sollte?

Naja, keinen. Wir stehen ja auch nicht morgens auf und sagen: “Ich gehe jetzt in die Welt.” Das Internet ist, was seine aktive Benutzung angeht, noch sehr an immobile technische Geräte gebunden - daher wirkte es lange so, als gehe man ins Internet, weil man zum Computer hingeht. Aber seit dem iPhone gehen wir nicht mehr ins Internet sondern es ist einfach immer da, so wie die Sonne immer scheint. Ich glaube, es hat keinen Sinn mehr, das Internet zu bezeichnen, da wir es von nichts sinnvoll unterscheiden können.

Ich kann Deine Kritik auch durchaus nachvollziehen, wenn Du “die ständige Unterscheidung von online und ‘wirklicher’ Welt [...] verschleiernd” findest. Rekapitulieren wir doch noch einmal bis hierhin: Das Internet, diese Parallel-aber-doch-irgendwie-Realwelt, ist aufgrund der Funktionen, die es erfüllt, und der Benutzer, als grundsätzlich gut zu beschreiben. Auch wenn die Funktionen eventuell anders erfüllt werden könnten.

Ich weiß schon jetzt ziemlich genau, dass, wenn ich das auf diese Weise einigen Bekannten erzählen würde, dann handelt es mir kritische Worte ein im Sinne von “Das sei doch alles Schönrederei” oder “Im Internet ist doch alles nur unecht” ein. Da fehlt offenbar bei vielen noch ein Verständnis für die Vorteile dieser Strukturen.

Oder aber sie fühlen sich ganz in Schirrmachers Sinn überfordert.

Gibt es denn Aspekte am Netz, die Dich stören?

Das Internet ist grundsätzlich gut, weil es uns nützt. Das ist ein zentraler Punkt. Der trifft auch dann zu, wenn wir es selbst nicht aktiv benutzen. Selbst “Internetverweigerer” müssen einsehen, dass eine Tageszeitung nur so aussieht, wie sie heute aussieht und die Supermärkte nur so funktionieren, wie sie heute funktionieren, weil im Hintergrund das Internet arbeitet. Das Internet hat neben den ganzen sichtbaren Google-Facebook-Twitter-Webseiten-Kram eine aus Konsumentenperspektive unsichtbare Seite. Und diese “dunkle” Seite entwickelt sich und schafft Möglichkeiten, die wir noch nicht kennen und die uns Einzelnen eventuell nicht nützen. So wie ich Frank Schirrmacher verstehe, sein Buch hab ich nicht gelesen, greift er genau dieses Problem auf. Er beginnt sein Buch zwar, soweit ich weiß, mit seiner persönlichen Überforderung durch die neue Technik - dies ist aber nicht sein zentrales Anliegen. Das Internet ist eine weitere Riesenmaschine, die uns das Denken in wichtigen Punkten abnimmt. Die letzte dermaßen einschneidende Entwicklung war, könnte man sagen, die Erfindung des Geldes. Es erlaubte uns, die Welt anhand von Preisen zu ordnen und so Orientierung zu finden. Und zwar ganz ohne, dass wir wissen, wie ein Preis zustande kommt. Als normaler Bürger weiß man nicht einmal wie Geld entsteht. Man benutzt es, weil es funktioniert - bis zu Kreditkrisen. In Krisen wird dann deutlich, dass man keine Ahnung hat, was man eigentlich tut. Das Internet birgt ähnliche, nicht verhinderbare Gefahren, das stellt Frank Schirrmacher ohne Alarmhaltung 2010 so fest.

Es gibt einige Aspekte des Internets, die damit zusammenhängen und mich tatsächlich persönlich stören. Ich würde gerne mit Bargeld Sachen kaufen, ohne dass registriert wird, wann ich wem wieviel Geld für was gezahlt habe. Ausserdem würde ich gerne wissen, welchen Zugriff staatliche Behörden und Firmen auf Verkehrs- und Inhaltsdaten haben und wie diese genutzt werden. In Deutschland kümmern sich der FoeBuD und der CCC um diese Fragen - da nachzulesen ist sehr interessant.

Meinst Du - in Analogie zur Geldentstehung - , dass uns das Bewusstsein für die Entstehung des Denkens im Internet abhanden kommt und das dadurch Gefahren entstehen können? Wie zum Beispiel bei der Wikipedia, bei der wir nachschlagen, ohne dass wir darüber reflektieren, dass dort jede Menge Menschen an einem Artikel teilhaben?

Wobei, das fällt mir gerade ein, bei der Herausbildung von Gedanken, Thesen, Theorien usw. waren vor der Erfindung des Internets ja auch schon viele Leute beteiligt. Der Prozess verlief bloß langsamer, da die Geschwindigkeit an der Publikation von Artikeln und Büchern abhing.

Das Internet beziehungsweise Computer versorgen mit Informationen, die man zum einen nicht selber “erdenken” kann und deren Gewinnung sich nicht nachvollziehen lässt. Ein oft genutztes Beispiel ist, dass ein Privatmann bei seiner Hausbank nur einen Kredit bekommt, wenn ein gewisser Scoring-Wert errechnet wurde. Dieser Scoring-Wert wird durch einen Algorithmus errechnet, den weder der Bankangestellte noch der Kunde kennt. Aber alles hängt von ihm ab. Die Aufgabe des Bankangestellten ist nicht, zu entscheiden, ob dargelegte Sicherheiten für einen Kredit reichen. Seine Aufgabe ist, Daten in den Computer einzugeben und abzuwarten, was die Maschine als Antwort zurückgibt. Die Entscheidungskompetenz ist in die Maschine abgewandert. Der Mensch hat nur noch eine Vollzugskompetenz. Das Gefahrenpotential ist leicht ersichtlich.

Der Unterschied der Internet- und Vorinternet-Zeit ist nicht nur die Geschwindigkeit. Viele Prinzipien haben sich verändert. Aus Sequenzialität wurde Gleichzeitigkeit, internetgestützte Kommunikation ist beinah raumungebunden, und so weiter. Ich glaube, der zentrale Begriff ist der des Algorithmus. Algorithmen können selbstständig Muster erkennen, sie brauchen nur ausreichend Daten. Das ist völlig neu. Bibliotheken mussten früher aufwendig mit Papier und Bleistifft indexiert und geordnet werden, die “digitale Bibliothek” katalogisiert sich ganz selbstständig.

Ich kann mir vorstellen, dass es so einigen Menschen unheimlich ist, so viele Lebensaspekte in Abhängigkeit von Algorithmen zu geben, die sie nicht verstehen können. Das ist es ja sogar mir als relativ internetaffinen Menschen. Da ist es nur gut zu wissen, dass Datenschutzvereine wie CCC und Foebud ein Auge auf diese Entwicklungen haben.

Jetzt haben wir aber sehr viel über das Internet geredet. Ihr kümmert Euch aber auch um andere Dinge wie zum Beispiel das tagespolitische Geschehen. Wenn ich das richtig bemerkt habe, habt Ihr Euch auch um die Armutsdebatte seitens der FDP und Guido Westerwelle gekümmert. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man dieser Diskussion mit dem Funktionalismus beikommen kann. Dass heißt, das ginge vermutlich auch, aber damit wäre wahrscheinlich kaum etwas gewonnen, wenn man sagt, die Debatte ist gut, weil sie da ist.

Ich glaube du hast mich da auch falsch verstanden. Funktionalismus heisst nicht, Dinge gut finden weil sie da sind. Das Urteil “gut” oder “schlecht” ist ein moralisches. Das dürfte sich ein Soziologe nie erlauben. Es lassen sich im Politikgeschehen funktionale Zusammenhänge aufzeigen. Westerwelle macht das, was er tut, ja aus bestimmten Gründen. Und auch wenn er in blinder Wut nicht nachdenken würde, was er tut, lassen sich für seine Aussagen Funktionen und Folgen darstellen. Westerwelles Rumpoltern kann neben dem ebenso dysfunktional sein, für ihn. Aber so darüber zu reden ist schwierig. Man müsste sich einen kleinen Ausschnitt aus dem Theater genau ansehen und dann dazu soziologische Aussagen treffen - dieser Text ist dafür ein gutes Beispiel.

Überhaupt ist es sehr schwer, in Rahmen eines Blogs, also auf zirka zwei DIN-A4 Seiten pro Text, gute Soziologie zu machen. Die Texte der Sozialtheoristen dienen in dem Sinne vielleicht doch eher der Unterhaltung als ernsthaften Erkenntnisversuchen. Es sind eher kleine Übungen, die bei Bedarf geschrieben werden. Wir verfolgen ja auch keine klare Linie. Jeder schreibt einfach über irgendwas.

Und unterhaltend ist es in der Tat. Vielleicht trifft der Begriff “Journal” tatsächlich am besten auf Euer Projekt zu. By the Way: Ich hatte “gut” auch nicht moralisch verstanden, schon dergestalt, dass hier eine Funktionalität vorhanden ist.

Du bist ja offensichtlich derjenige von Euch, der mit dem größten Enthusiasmus an die Sache geht. Hast Du bereits ein neues Thema im Blick? Oder fragen wir mal anders: Durch welche Impulse fühlst Du Dich zum Schreiben angestachelt?

Ja. Journal finde ich auch gut. Es lässt völlig offen, was gemeint ist. Es gibt Fachjournale für Spezialistenthemen, ebenso kann man sein privates Tagebuch Journal nennen. Für uns bedeutet das, wir schreiben einfach drauflos. Ohne uns um Quellenangaben, journalistische Maßstäbe oder sonstwas zu kümmern. Ich schreibe in dem Sinne sehr locker. Zwischen Themenfindung und Veröffentlichung des Textes sollten eigentlich nicht mehr als eine Stunde vergehen. Von daher mache ich mir keine großen Gedanken, was das nächste Thema sein könnte. Gerade im Moment denke ich darüber nach, zu diesem kleinen frechen Brief der BILD an die Griechen was zu schreiben. Dort steht, “hier muss niemand tausend Euro Schmiergeld zahlen, damit er rechtzeitig ein Bett im Krankenhaus kriegt.” Dafür haben wir in Deutschland aber private Krankenversicherungen, die uns genau das Problem der bevorzugten Krankenhausbettverteilung durch Geldzahlung abwickeln. Das kurz zu vergleichen wäre witzig.

Da wäre ich gespannt, wie Du den kleinen Artikel auseinandernimmst. Obwohl, Artikel kann man das wohl nicht nennen. Eher Polemik. An alle Mitleser geht also die Blog-Empfehlung: sozialtheoristen.de.

Was hast Du denn mit Deinem eigenen Blog noch vor?

Mein kleine Seite läuft seit fünf Jahren als Wordpress ohne größere Pläne nebenher. Ich nutze es vor allem zum Ausprobieren des ganzen Spielzeugs, das andauernd entwickelt wird. Manchmal schreib ich auch was rein, öfters spiele ich aber am Design rum. Es ist in allen Belangen ein “Privatspaßjournal”.

Auch das werde ich weiterhin verfolgen. Gerne sogar. Jetzt ist dieses Interview auch wieder recht lang geworden.

Ich hatte gerade eine Idee. Neulich, im Interview mit Ben, hatte ich ihn gefragt, ob wir das einmal wiederholen wollen, vielleicht bei speziellen Fragestellungen, Internet und Medien betreffend. Was hältst Du von der Idee, irgendwann mal eine große Fragerunde einzuberufen, damit wir zu einem Thema unterschiedliche Blickwinkel haben?

War ein spontaner Einfall, aber ich glaube, Du als Soziologe wärst dabei eine Bereicherung.

Gute Idee. Sowas macht doch immer Spaß. Wenn man Soziologie studiert hat, ist man zudem auch automatisch ein guter Zuhörer.

Super. Das freut mich. Dann können wir ja für heute um so leichter auseinander gehen, wenn wir wissen, dass es nicht für immer ist. Aber erst einmal vielen Dank für dieses umfangreiche Interview. Und hab heute noch einen schönen Abend, nicht wahr?

Danke. Dir auch.

Siehe auch:
Teil 1: Interview mit Benjamin Birkenhake (anmutunddemut.de)

Wie ich Paul McCartney über eine Ecke kennenlernte07. März 2010

Kulturelle Veranstaltungen wie zum Beispiel Konzerte sind immer etwas merkwürdig, wenn sie als Lokaltermin betrachtet werden. Dann stellt man sich als Reporter in der Regel darauf ein, mit dem Veranstalter zu sprechen und sich das Konzert anzusehen. Hier und da ein paar Gäste zu sprechen und „die Stimmung in sich aufzusaugen“, um sie anschließend wiedergeben zu können.

Womit man eher nicht rechnet ist, wenn man bei Betreten des Clubs gleich Backstage geleitet wird und dann mit dem ersten Beatles-Drummer Pete Best und dessen Band ein paar Biere heben muss. Aber da sind wir schließlich flexibel. Geht schon klar. Kann man immerhin behaupten, über eine Ecke John Lennon gekannt zu haben. Moment. Geht das überhaupt, jemanden posthum über eine Ecke kennenlernen? Egal, dann eben McCartney.

Obwohl man weiß, dass ein Profi-Fotograf „in the audience“ ist, macht es sich in solchen Momenten bezahlt, einen eigenen kleinen Fotoapparat dabei zu haben. Insbesondere dann, wenn ein großer Best-Fan in den Backstage-Bereich hereingestürmt kommt und um ein Autogramm auf seinem Hemd bittet. Er kam anscheinend extra aus Hamburg angereist und gab sich auf Anfrage der Presse (also mir) als „Herr Müller-Lüdenscheid“ aus. Der Ringo Starr-Vorgänger gab ihm seine Unterschrift gerne.

Diese Sentenz wäre an sich nicht besonders bemerkenswert. Bei Pete Best kann man, ohne lange überlegen zu müssen, von einer „Legende“ sprechen, mit all den Nebenbedeutungen des Begriffs. Und Legenden werden schließlich oft um Autogramme auf den abstrusesten Dingen und Körperteilen gebeten.

Doch „Herr Müller-Lüdenscheid“ strotzte vor Stolz und Freude wie ein kleiner Junge, der versehentlich nachts bei Toys’R'Us eingeschlossen wurde. Auch später, während des Konzerts.

Die Geschmäcker mögen sich über Beatmusik streiten. Aber da ich schon einmal dort war, dachte ich mir, könnte ich auch mit meiner Kleinkamera ein Video von zumindest einem Song machen. Wie ich aber filmte, wurde ich ab einem bestimmten Moment zart von links angerempelt. Sehen Sie selbst, ab Minute 2:05:

Ich würde mal sagen, da war einer sehr glücklich.
Herr „Müller-Lüdenscheid und „ϥB“: Stay „Forever Young“, you both!

Blog-Ausflug in die Region: Kreis Höxter06. März 2010

Manche Leute fühlen sich bestimmt vor den Kopf gestoßen, wenn sie allabendlich, bei den Nachrichten, darauf hingewiesen werden, dass es bei Bedarf zu den einzelnen Themen noch weitere Infos “im Internet unter tagesschau.de” gibt. Es gibt nämlich noch zahlreiche weiße Flecken auf der Breitbandlandkarte, auch im Einzugsgebiet der NW.

Man stelle sich nur einmal vor, wieviele Beiträge über das Internet mittlerweile durch die etablierten Medien schwirren. Und die Menschen ohne DSL wissen gar nicht, wovon die Rede ist. Eins dieser Sorgenkinder-Gebiete ist der Landkreis Höxter. Dort haben noch die Hälfte aller Bewohner keinen Zugang zu schnellem Internet (Stand: November 2009. Siehe NW-Artikel hier). Zwar ist die Kreisstadt selbst mittlerweile erschlossen, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis sich allen Nutzern die Möglichkeiten des Webs erschließen. So ergibt zum Beispiel die Twittersuche nach dem Begriff “Höxter”, dass nur ein einzelner Nutzer den Dienst dort anwendet. Und das auch nur mit seinem iPhone.

Nun kann man von den Leuten, kaum dass sie über einen Anschluss verfügen, verlangen, dass sie Sachen über sich in’s Internet schreiben. “Los, Ihr habt jetzt DSL, also fangt an zu bloggen!” wäre wohl eine etwas vermessene Forderung. Aber ein paar erste Gehversuche gibt es mit dem Medium bereits im höxteraner Kreis. Denen widmen wir einen kleinen Blog-Ausflug.

Die pulverpara.de ist im Moment “still in progress”, was bedeutet, dass der Autor “toellby” derzeit noch unschlüssig über sein Design ist. Seine Themen sind vielfältig: Mal gibt er Shortcut-Tipps für das Apple-Betriebssystem Mac OS, an anderer Stelle empfiehlt er Filme. Dass ihm das Netz ganz und gar nicht egal ist, sieht man daran, wie er mit einem Kommentar der WELT zum Urteil über die Vorratsdatenspeicherung umgeht.

Angeln! Ein unterschätzter Geduldssport. Sascha aus Beverungen bringen längere Wartezeiten auf den Fang nicht aus der Ruhe. Was er vom Ufer aus erlebt, berichtet er auf beisszeit.com. Da wird dann auch mal ein Video vom Hechtfang mit Clubrhythmen unterlegt. Und Außenstehende sind ganz baff, dass auf den Fachkatalogen junge Frauen posieren, während sie Fische in’s Objektiv halten.

Auf Pirilamponews beschäftigt sich die Höxteraner Bloggerin Birgit mit Literatur. Sie bespricht dort aber nicht nur gelesene Bücher, sondern empfiehlt auch Kunst aus anderen Gattungen. So hat es ihr zum Beispiel der 1997 verstorbene Maler Martin Kippenberger angetan. Die Dramaturgen Shakespeare und Brecht sind ihr ebenfalls ein Anliegen. Und als Literaturliebhaberin konnten die hegemannschen Palgiatsvorwürfe auch nicht an ihr vorrübergehen.

Die “phreakadelle.de” ist nach eigener Beschreibung ein Blog über “über Parties und Feste, Freunde und Bekannte, Fotos und Alltägliches” und natürlich über den Autor selbst, Stephan aus Beverungen-Wehrden. Aber es wird nicht nur im Nachhinein die Wehrdener Teichparty besprochen. Ab und zu lässt er sich auch über Gewalt und Gewalt in den Medien aus. Im Moment sollte man sich vielleicht Sorgen machen, ob eine Rekonvaleszenzphase nicht etwas zu lange anhält: Der letzte Eintrag handelt von einer Fahrt zum Kölner Karneval.

Die Bloggerin “nrwzuckermaus” gibt sich auf “Mein Leben, meine Gedanken, vieles über mich” vorwiegend lyrischen Gedanken hin (wenn nicht gerade der Keller voll Wasser läuft), und ihre Beiträge sind beim Lesen beinahe bedrückend persönlich. Die Autorin hat aber aufgepasst: Weder im Impressum noch in der Rubrik “Über mich” ist ihr echter, voller Name zu finden.

Links:
Pulverpara.de
Beisszeit.com
Pirilamponews
Phreakadelle
Mein Leben, meine Gedanken,…

Weitere Blogs aus dem Kreis Höxter:
Meine Pferdewelt
Rbienes Blog
Shake, baby, shake

Siehe auch:
Blog-Ausflüge nach Paderborn, Gütersloh, Bad Oeynhausen/Löhne


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