Interview mit Dr. Uwe Walter (F.A.Z.-Blog “Antike und Abendland”)15. März 2010
Teil 3 der Blogger-Interviews, heute mit Dr. Uwe Walter. An der Uni Bielefeld ist er Professor für alte Geschichte und darüber hinaus Dekan der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie. Seit Januar 2009 findet er sich neben Bloggern wie Don Alphonso, Andrea Diener oder Michael “Mspro” Seemann wieder, da er eines der Blogs der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt. Im Blog mit dem Namen “Antike und Abendland” hilft Walter, historisches Bewusstsein zu erweitern oder zu entwickeln. Denn er weiß, “dass wir auf den Schultern von Riesen stehen und dennoch oft genug nicht weiter sehen als diese.”
Über Ihr Blog bin ich früher schon einmal gestoßen, auf Umwegen und über Verlinkungen. Dabei war mir aber noch nicht bewusst, dass es sich bei dem Autoren um einen Geschichtsprofessor aus Bielefeld handelt. Das ist ja nun nicht die naheliegendste Textform für einen Geschichtswissenschaftler, so ein Blog zu schreiben. Wie sind Sie denn darauf gekommen?
Das geht ganz auf einen äußeren Anstoß zurück. Ich schreibe seit 1998 gelegentlich für die Frankfurter Allgemeine Zeitung Rezensionen, Geburtstagsartikel, auch mal etwas bildungspolitisches. Und der Feuilletonchef der F.A.Z., Patrick Bahners, ist irgendwann im vorletzten Jahr, 2008, auf mich zugetreten und hat gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, so einen Blog zu machen. Die F.A.Z. wolle sich jetzt diesem neuen Feld widmen und hat also eine ganze Reihe von Blogs bereits eingerichtet. Teilweise von Redakteuren, teilweise auch von Leuten wie diesem Don Alphonso, der hauptsächlich in der Bloggerszene eine gewisse Prominenz besitzt. Ich habe keine Ahnung, wer das ist.
Rainer Meyer heißt der, glaube ich. Er ist aber so ein „Enfant terrible“ der Medienszene.
Ja, genau. Bahners hatte mich also gefragt, ob ich mir so etwas vorstellen könnte und ich habe das dann zunächst weit von mir gewiesen, weil ich es mir nicht vorstellen konnte. Er ist dann aber sehr hartnäckig geblieben. Und auch einer der Gründe, warum ich mich dann letztlich darauf eingelassen habe, dass die F.A.Z. - wie alle Zeitungen – wirtschaftlich im Moment in schweres Wasser geraten ist, was dazu geführt hat, dass es einfach im Blatt weniger Platz gibt für bestimmte Dinge.
Also, ich kann dort keine längeren Rezensionen, Ausstellungsberichte und so weiter mehr unterbringen. Das ist alles weniger geworden, wofür ich auch Verständnis habe. Da ist dann insofern der Blog in gewisserweise auch eine Kompensation, eine Art nicht gedruckte Kolumne. Ich hatte dann eigentlich mal angefangen mit wenig Elan, zunächst, weil ich es mir – wie gesagt – nicht vorstellen konnte und diese Szene auch in keiner Weise verfolgt hatte.
Bestücken Sie das selbst oder reichen Sie die Texte ein?
Nein, nein, ich bestücke das selbst. Jedenfalls hatten wir uns dann geeinigt, dass ich im Monat eine gewisse Zahl von Texten dort bringe und dahingehend auch ganz frei bin. Ja, und seit dem existiert das dann. Ich muss jetzt aber die Schlagzahl ein bisschen reduzieren, weil es einfach zuviel Zeit kostet. Wegen der anderen Pflichten als Hochschullehrer.
Übrigens. Ein berühmter Kollege, ein Theologe und Leibniz-Preisträger, den ich gelegentlich treffe, hat mir neulich stark ins Gewissen geredet, mit diesem Unfug aufzuhören: „Ein Professor bloggt nicht“.
Und was halten Sie selbst davon? Macht Ihnen das Spaß?
Eigentlich schon, sonst würde ich es nicht mehr machen. Solange mir noch etwas einfällt und es irgendwie reinpasst und es Gelegenheit gibt, Dinge zu machen, die vielleicht im Blatt sonst keinen Platz hätten, mache ich es eigentlich ganz gern.
Technisch ist das so, dass dort so ein Zugang eingerichtet ist, über den ich die Texte einstellen kann, und die werden dann gegengelesen, aber ich glaube, das erledigt eine Maschine. Von einer Maschine, die so eine Art Filter darstellt für bestimmte No-Go-Ausdrücke. Die werden dann automatisch rausgefiltert und dann werden die Texte ins Netz gestellt.
Interessant, so ein Verfahren kannte ich bis jetzt nicht.
Ja, ich hatte mal in einem Beitrag, in dem es um die Geschichte der Sklaverei ging, eine kurze Episode aus der Fernsehserie „Roots“ erzählt. In einem Abschnitt kam das Wort „Nigger“ vor, was einfach in diesem Zusammenhang funktional war. Das wurde mir von dieser Maschine sofort gestrichen. Das Wort ist also so ein No-Go.
Dann scheint man bei der F.A.Z. in dieser Hinsicht schon etwas weiter zu sein.
Also, ich vermute das zumindest, dass das mechanisch funktioniert. Der Bindestrich war in dem Kontext stehengeblieben, nur das „Nigger“ war gestrichen. Seit dem hatte ich damit aber auch keine Probleme mehr.

Was glauben Sie, woher kommt dieses Ressentiment ihres Theologie-Kollegen gegenüber diesem Format?
Der hält das für unseriös. Ich solle lieber Bücher schreiben, sagte er. Herr Bahners hatte mir gesagt, als ich davon berichtete, dass in den Vereinigten Staaten sogar Nobelpreisträger bloggen.
Stimmt, die Form ist hier noch nicht so etabliert. Wenn ich mir ihre Beiträge ansehe, dann haben die im Gegensatz zu anderen Blogs schon eher den Charakter von Fachaufsätzen, mit Quellenangaben und so weiter.
Nun ja, sie sind sehr unterschiedlich, je nachdem, worum es geht. Wenn es zum Beispiel darum geht, eine Person sozusagen dem Vergessen zu entreißen, auf eine Ausstellung hinzuweisen, etwas aktuelles aufzugreifen und ein paar Gedanken dranzuhängen. Manchmal ist es auch relativ frei assoziierend, manchmal ist es auch relativ schulmäßig. Ich hab auch schon einmal eine Vorlesung zusammengefasst, auf drei Seiten, und das dann reingestellt. Das ist sehr unterschiedlich, was mir gerade so einfällt. Ich versuche manchmal auch, Dinge über mehrere Texte zu verteilen, so bestimmte Storylines aufzubauen.
Das ist mir auch bereits aufgefallen. Auf die Inhalte können wir gleich noch kommen. Aber Sie haben ja schon eine Fangemeinde dort, nicht wahr? Das habe ich gesehen in den Kommentaren, als Sie einmal angekündigt haben, eventuell nicht mehr weiterzubloggen wegen der Urheberrechte bei den Bildern.
Ja, die Urheberrechte der Bilder. Das ist in der Tat eine ganz ärgerliche Angelegenheit. Ich kann das einerseits verstehen, und die F.A.Z. hat sich ja selbst zu einem Bannerträger des Urheberrechts gemacht, gegenüber dem Perlentaucher zum Beispiel. Das alles kann ich sehr gut verstehen, aber es ist natürlich so, dass viele Dinge nur mit den Bildern zusammen funktionieren. Und ich war da sicherlich bisher ein bisschen gedankenlos, wenn ich Sachen übernommen oder aus Büchern herausgescannt habe. Aber da bedarf es einer größeren Mühewaltung. Ich will aber auch nicht diesen Umweg über die Bildredaktion in Frankfurt gehen, weil das dann eine zusätzliche administrative Schleife ist, die Spontaneität tötet.
Aber als sie die Überlegung, damit aufzuhören, so explizit gemacht haben, hat man schon gesehen, dass da in den Kommentaren seitens ihrer Leser „aufgejault“ wurde. Es gab ja sogar einige Leser, die sich deshalb das erste Mal angemeldet haben, um überhaupt einen Kommentar abgeben zu können.
Das ist richtig. Ansonsten sind es einige wenige Kommentatoren, einige besonders unentwegte. Man hat dann natürlich auch Leute, die den Text mehr oder minder zum Anlass nehmen, ihre eigene Weltsicht – sagen wir es einmal ganz neutral – zu verbreiten, die in der Regel nicht die meine ist. Das kommentiere ich aber meistens nicht, weil das, glaube ich, zu Turbulenzen führt. Ich schreibe ganz selten Erwiderungen.
Es gibt so einen Grundsatz bei Internetdiskussionen, der nennt sich „Don’t feed the trolls“. Mein in etwa: Wenn man sie füttert, dann kommt noch mehr davon.
Das kann ich gut verstehen. Aber es werden immerhin unter die Gürtellinie zielende, fäkalische, rassistische Texte dort herausgefiltert. Ich sehe das gelegentlich bei anderen Zeitungen, wo das oftmals ungefiltert steht. In der „Welt“ beispielsweise, wo man dann auch zu den Artikeln häufig schmähende und unter aller Würde, dahingeschmierte Kommentare findet, und offenbar niemand diese filtert oder herausnimmt. Das finde ich sehr, sehr irritierend bei einer guten Zeitung. Aber bei der F.A.Z. scheint das stattzufinden.
Bei uns muss die Redaktion auch persönlich nachgucken, die Kommentare sind dann erst in Wartestellung.
Ich habe auch in so einer internen Verwaltungsfunktion die Möglichkeit nachzuschauen, wieviele Klicks es gibt. Und, naja, die Zahlen sind nicht hoch. Ich komme in der Regel auf Tausend…

Am Tag?
Nein, insgesamt. Also pro Eintrag. Es ist in der Regel vierstellig. Manchmal 2000. Beim absoluten Spitzenreiter bin ich jetzt bei 5000 oder 6000. In dem Beitrag ging es um „Star Trek“. Dort ist offensichtlich eine Fangemeinde über Suchmaschinen hingekommen. Dann hat aber einer dazu geschrieben, der Text sei mit langen Sätzen und unverständlichen Wörtern versehen. Der Autor müsse ein Intellektueller sein. Das war dann anscheinend doch nicht das richtige für ihn.
„Star Trek“ als Thema in Ihrem Blog wundert mich auch ein bisschen. Vielleicht kommen wir mal zum Titel: Antike und Abendland. Wie hängt das zusammen? Ich tue mal so, als hätte ich es nur leicht überflogen. Sie ziehen Verbindungen zwischen dem heutigen Abendland, dem Westen, und der Antike. Inwiefern können wir denn heute von der Antike lernen?
In einem platten Sinne: Wenig. Darum geht es mir als Historiker aber auch gar nicht, sondern ich glaube, dass Europa nicht geographisch definierbar ist, auch nicht religiös oder mit anderen, greifbaren Parametern. Europa ist deswegen existent, weil es sich immer wieder mit Rückgriff auf seine Vergangenheit neu erfunden hat. Beginnend, sagen wir, mit der karolinischen Renaissance oder der Renaissance in Italien. Auch mit dem Klassizismus in Frankreich, dem Humanismus im 19. Jahrhundert, der Griechenland-Sehnsucht. Und die Antike hat in dieser Neudefinition Europas immer eine ganz zentrale Rolle gespielt. Sie ist also nicht eine Wegweiserin für die Gegenwart, sie ist in diesem Sinne eher eine Art kritische Instanz.
Wenn wir uns beispielsweise einmal anschauen, wie in unseren modernen, repräsentativen Demokratien das Politische funktioniert, dann ist es natürlich unsinnig zu sagen: Wir müssen jetzt zurück zu antiken Modellen. Weil die an Voraussetzungen gebunden waren, die gar nicht mehr existent und auch nicht wiederherstellbar sind. Wir können aber aus diesem Rückblick eine Art kritischen Blick auf unsere eigene Gegenwart gewinnen. Beispielsweise die mangelnde Intensität des Politischen, die in antiken Stadtstaaten eben ganz anders war.
Der Titel „Antike und Abendland“ besteht im Wesentlichen eben wegen dieses permanenten Rückgriffs und dieses letztlich unzerschneidbaren, allenfalls vergessbaren, Bandes, und da die verschiedenen Epochen des europäischen Abendlandes immer wieder auf die Antike zurückgeworfen werden. Gleichzeitig ist der Titel ein bisschen ironisch, weil „Abendland“ natürlich ein ideologisch besetzter Kampfbegriff gewesen ist, vor allen Dingen in der Zeit nach 1945. Das christliche Abendland als Bollwerk gegen den Bolschewismus zum Beispiel, was auch manchen alten Nazis ermöglicht hat, sich unter dem Signum des Humanismus und des Anti-Kommunismus wieder in die demokratische Nachkriegsordnung einzufädeln.
Es gibt auch ein oder zwei Blogeinträge mit einer anschließenden, sehr heftigen Diskussion unter den Lesern, worin genau das reflektiert wurde. Und dort habe ich dann auch einmal klargestellt, wie ich zu diesem Titel gekommen bin.
Es ist also einerseits programmatisch, andererseits aber auch gebrochen und selbstironisch.
Diesen Rückgriff tun sie andauernd in Ihren Beiträgen. Da nehmen Sie dann, habe ich gesehen, oft etwas aus der aktuellen Tagespolitik hervor, zum Beispiel den ständigen Vergleich des römischen Imperiums mit den USA. Oder, und da bot es sich auch an, die “spätrömische Dekadenz” von Guido Westerwelle. In letzterem Fall war es sogar mal notwendig, zu beleuchten, was er damit meinte. Können Sie das vielleicht noch einmal erläutern, weshalb er da falsch lag?
Er lag da deswegen falsch, weil Dekadenz gar kein materieller, historischer Begriff ist, sondern eine Zuschreibung, die bereits auf einen antiken Diskurs zurückgeht und die sich seit der Antike untrennbar mit dem Luxus verbindet. Deswegen ist das im Zusammenhang mit einer Hartz IV-Debatte grundsätzlich die falsche Straße. Westerwelle ist dann ja auch entgegengehalten worden, mit Dekadenz könnte man eher bestimmte Phänomene unter den Reichen und Superreichen bezeichnen. Ich bin andererseits, wenn Sie so wollen, soweit empathiebereit, dass ich durchaus verstehe, was er gemeint hat. Dass sich eine Gesellschaft bestimmte Fragen nicht mehr stellt und sich in bestimmten, gewordenen Verhältnissen einfach einrichtet und nicht mehr bereit ist, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Das ist etwas, was mit Dekadenz auch verbunden ist.
Dekadenz ist ein Sich-Einrichten in der großen Vergangenheit und der unmittelbaren Gegenwart, aber ist die Verweigerung, in die Zukunft zu schauen und dafür zu planen und zu handeln.
Ich glaube, das war in dem Beitrag auch der entsprechende Punkt, nicht wahr? Also, dass er zum einen Luxus mit Dekadenz gleichsetzte und dass zum anderen, in der Vergangenheit das römische Imperium eigentlich an etwas ganz anderem zugrunde gegangen ist.
Genau.
Sie hatten an der Stelle auch jemanden zitiert, Michael Grant, der eher der Ansicht war, dass sich die Gesellschaft Veränderungen gegenüber verschloss.
Genau. Dass sie einfach erstarrt ist. Bürokratisch erstarrt und dass die gleichsam Ruhigstellung vor allen Dingen der breiten Bevölkerung durch Geschenke ein ganz marginales Phänomen war. Im Gegenteil, die breite Bevölkerung ist in der spätrömischen Zeit durch bürokratische und fiskalische Zwangsmaßnahmen geradezu geknebelt worden. Die Leute durften ihre Äcker und ihren Berufsstand nicht mehr verlassen, die mussten Steuern zahlen und wurden rekrutiert. Die sind vom Staat kujoniert worden wie es nur ging. Aber auch da ist der Begriff der spätrömischen Dekadenz völlig fehl am Platze.
Es zeigt natürlich, wie lebendig diese Epoche und dieses Phänomen noch ist, selbst als ganz weit verblasstes und ganz weit abgesunkenes Kulturgut.
Gibt es dann tatsächlich eine Parallele zwischen der heutigen Zeit und dem damaligen Verfall des römischen Reichs?
Nein, eine Parallele nicht, aber dass wir es sozusagen noch aufgreifen können und dass Fehlentwicklungen in der heutigen Gesellschaft noch mit den Begriffen „Dekadenz“ und „spätrömisch“ kodiert werden können, das zeigt, dass wir von der Antike nicht wegkommen.
Ich hatte mir sogar sinngemäß notiert, was Sie geschrieben hatten: Die Römer hätten es versäumt, sich von überholten Denkmodellen zu lösen. Und blieben deshalb Veränderungen gegenüber gleichgültig.
Genau das ist das, was Westerwelle meint. Dass eine Gesellschaft sich in einem Ist-Zustand einrichtet und versucht, den mit allen Mitteln zu verteidigen, ohne dies aber in einer kreativen Weise zu tun.

Wodurch fühlen Sie sich denn zum Schreiben eines Blogbeitrags angetrieben? Bedarf es da so eines tagesaktuellen Themas wie Westerwelles Äußerung?
Ja, da musste ich einfach. Dazu hat sogar Don Alphonso etwas geschrieben, wobei ich seinen Beitrag allerdings ziemlich arrogant fand.
Das ist ja auch sein Markenzeichen.
Bei ihm lief es einfach darauf hinaus, dass Westerwelle ein ungebildeter Aufsteiger ist und nicht weiß, wovon er redet. Während er, Don Alphonso, bereits im Teenager-Alter mit seinen Eltern Italien-Urlaube gemacht hat und dort, in den Museen von Florenz, ein differenziertes Bild von Europa, der Welt und dem späten Rom und so weiter gewonnen hat. Das fand ich relativ arrogant.
Letzte Woche hatte ich einen bloggenden Soziologen interviewt, der das Ganze unter dem funktionalistischen Aspekt betrachtet hatte. Dabei hatten wir zufälligerweise auch wieder diese Westerwelle-Debatte angesprochen. Und der Soziologe war der Ansicht: Doch, die Äußerungen besäßen doch schon ihre Funktion.
Zweifellos. Ich wollte mich jetzt auch gar nicht groß in diese Debatte einloggen, aber es bot sich einfach an. Da ich auch häufiger über das Imperium Romanum schreibe und über Gibbon, der ja mit seinem Werk „Decline and Fall of the Roman Empire“ derjenige ist, der diesen Diskurs überhaupt geformt hat, musste ich einfach dazu etwas sagen.
Ansonsten sind es Jubiläen von Personen oder Ereignissen. Es sind manchmal neu erschienene Bücher, die ich zufälligerweise in die Hand bekomme, aber nicht rezensieren kann oder will. Oft sind auch Ausstellungen Thema, wenn ich sie besucht habe oder auf die ich hinweise. Da spielte im letzten Jahr natürlich diese ganze Varusschlacht-Geschichte eine große Rolle, wobei ich manche, sehr witzige Begleitprogramme einer satirischen Kritik unterzogen habe.
Welche Begleitprogramme waren das denn zum Beispiel?
In dem Programm zur Ausstellung in Kalkriese machte zum Beispiel die Müllabfuhr Werbung damit, dass sie in dieser Region seit 2000 Jahren darin versiert sei, Abfuhren zu erteilen. Die wurde dann mit einer Karikatur versehen, auf der ein Müllmann in der Mülltonne zu sehen war. Es war der Abfallzweckverband Bramscher Land, glaube ich, und das fand ich schon etwas kurios.
Ich behandele aber auch schon einmal künstlerische Events. Auf denen dann irgendwelche Leute arythmisch auf Perkussionsinstrumenten herumschlagen und dann damit eine Verbindung zum chaotischen Rückzug der römischen Truppen herstellen. Das waren dann Dinge, die sich mir nicht so recht erschlossen haben.
Ich bin aber auch gerne bereit zu loben, zum Beispiel die großartige Ausstellung in Haltern. Das war einfach ein großes Erlebnis.
Und das sind dann wahrscheinlich so Sachen, für die man nicht unbedingt einen Artikel für eine Fachzeitschrift beginnt, nicht wahr?
Nein, für eine Fachzeitschrift ohnehin nicht, das würde ja zu lange dauern. Und im Blatt selber, ich hatte ja gelegentlich Ausstellungsberichte gemacht, das machen jetzt die Redakteure. Weil die sich auf das Personal, das sie haben, konzentrieren müssen. Dann brauchen sie nicht mehr so viele Externe, die sie großzügig honorieren müssen. Das ist ja auch alles in Ordnung.
Manchmal verwende ich aber auch Anregungen, die ich von Kollegen bekomme. Zum Beispiel bekam ich ungefähr vor einem Jahr eine Rundmail von einem älteren, amerikanischen Kollegen, den ich gar nicht kenne. Darin forderte er dazu auf, eine Petition an Präsident Obama zu unterzeichnen. In dieser wurde Obama dazu aufgefordert, die Regierung von Mazedonien in Skopje zu zwingen, ihre Geschichtspolitik zu ändern. Diese Geschichtspolitik laufe nämlich auf eine Usurpation des Makedonentums hinaus. Und das Makedonentum und Philipp und Alexander gehörten ohne Zweifel Griechenland.
Das wurde dann in einem längeren Artikel, der der Mail beigefügt war, begründet in einer wissenschaftlich völlig unhaltbaren Art und Weise. Mazedonier seien nämlich Slawen, während die Griechen die legitimen Erben der antiken Makedonen seien. Das habe ich dann ein wenig aufgespießt und es war insofern interessant, weil auch einige hierzulande sehr prominente Altertumsforscher diese Petition unterschrieben haben. Ohne sie zu lesen, wie ich dann hinterher erfahren habe. Was ihnen dann sehr peinlich war.
Diese Petition war an Skurrilität und Peinlichkeit nicht zu überbieten.
Ob Obama sie jemals zu Gesicht bekommen hat?
Immerhin hatte sie zu dem Zeitpunkt bereits 300 Unterzeichner.
Ausschließlich Wissenschaftler?
Ja. Klar, da haben irgendwelche Griechen ihre Freunde in aller Welt mobilisiert. Es trug ohne Zweifel die Handschrift von griechischen Kollegen, die diese Identitätsstiftung von einer sehr handfesten Art mitbetrieben haben. Wobei man ihnen natürlich zeigen könnte, dass das heutige Griechenland mit dem antiken nichts, aber auch gar nichts zu tun hat, sondern dass das eine reine retrospektive Kontinuitäts- und Identitätsstiftung darstellt.
Das war einmal so ein Beispiel für einen längeren Artikel, in dem ich ein Thema geschichtspolitisch behandelt habe.
Und sie haben wahrscheinlich vor, das auch noch weiterhin zu betreiben?
Wie gesagt, mit einer etwas geringeren Schlagzahl. Also wahrscheinlich nur noch vier Texte pro Monat. Es waren bisher, mit relativer Regelmäßigkeit, immer sechs. Das Dekanat nimmt zu viel Zeit ein. Und ein Buch, das noch zu schreiben ist. Es geht hier im Moment ziemlich hoch her, da wir mehrere Baustellen zu bespielen haben.
Dann freuen wir uns trotzdem auf noch weitere Beiträge auf „Antike und Abendland“.
Ich weiß nicht, wie lange ich das noch weiter betreibe. Es kann auch sein, dass es einmal Knall auf Fall eingestellt wird, wenn es dann eines Tages gezwungen erscheint und ich mir die Sachen nur so zusammensuchen muss.
Ich habe übrigens doch ein paar Inspirationen. Es gibt beispielsweise im „Times Literary Supplement“ einen Blog von Mary Beard, einer sehr prominenten und skurrilen Altertumswissenschaftlerin, die in Cambridge lehrt. Sie betreibt einen etwas idiosynkratischen, aber von sehr guten Beobachtungen geprägten Blog, der nun weit über ihr Fachgebiet hinausgeht. Sie reist zum Beispiel sehr viel und gibt dann ihre Impressionen wieder. Manchmal sind es dann aber auch Dinge, die im weiteren Sinne die Antike betreffen, und das greife ich dann manchmal auch auf. Gelegentlich kann man das dann ein wenig bissig kommentieren. Aber die Kommentare bei Mary Beard sind teilweise auch von einer teilweise exquisiten Qualität, auch was sprachliche Disziplin betrifft.
Ist dieses „Frotzeln“ unter Kollegen üblich?
Doch, schon. Aber es ist immer wohlwollend gemeint.
Dann muss ich mir das Blog von Mary Beard auch einmal ansehen. Vielen Dank für das Gespräch.
Siehe auch:
Teil 1: Benjamin Birkenhake (anmutunddemut.de)
Teil 2: Stefan Schulz (sozialtheoristen.de)


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Hallo Stefan. Dass Du Dir für eines der Blogger-Interviews Zeit nimmst, freut mich ganz besonders. Wie geht es Dir? 


War ein spontaner Einfall, aber ich glaube, Du als Soziologe wärst dabei eine Bereicherung. 

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Angeln! Ein unterschätzter Geduldssport. Sascha aus Beverungen bringen längere Wartezeiten auf den Fang nicht aus der Ruhe. Was er vom Ufer aus erlebt, berichtet er auf
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Die Bloggerin “nrwzuckermaus” gibt sich auf “